Nachbarschaft, Protest und Geflüchtete - Wohnraummangel in Hamburg

Ronja Schröder, Dezember 2018

 

Wohnraummangel ist in Großstädten in den letzten Jahren zu einem immer stärker drängenden Thema vor allem für Bürger*innen und Politiker*innen geworden. Aufgrund von geringem Wohnungsneubau sowie vielen Zuziehenden aus dem Um- und Ausland haben Großstädte – wie Stuttgart, Berlin, München oder Hamburg – mit Wohnungsknappheit zu kämpfen. Hamburg gilt dabei laut Postbankstudie als Stadt mit der niedrigsten Wohnungsversorgungsquote in Deutschland. In Hamburg ist das Thema seit Mitte des Jahres 2015 mit der Frage der Unterbringung von Geflüchteten verbunden. Laut Postbank Studie benötigt Hamburg sowie weitere Großstädte in Deutschland unter „Berücksichtigung des prognostizierten Zuzugs von Flüchtlingen […] bis 2030 zwischen 15 und 20 Prozent mehr Wohnungen als dort jetzt zur Verfügung stehen“ (Wohnraumatlas 2016). So erscheint es kaum verwunderlich, dass gerade die Unterbringung von Geflüchteten einen diskursiven Schwerpunkt in der Berichterstattung um die Aufnahme von Geflüchteten spielt. Hier stellt sich die Frage, wie die Unterbringung von Geflüchteten in einer Stadt verhandelt wird, in der Wohnraumknappheit und steigende Mieten seit Jahren Thema sind.

 

Infrastruktureller Notstand? Die Unterbringung Geflüchteter in Hamburg

Die Mehrheit der Unterkünfte in Hamburg wird durch Fördern & Wohnen betreut. Dieses Unternehmen der Stadt Hamburg (Anstalt des öffentlichen Rechts) beschäftigt etwa 1.500 Mitarbeiter*innen und erreicht einen Umsatz von 290 Millionen Euro (vgl. Fördern & Wohnen). Daneben sind das Rote Kreuz, die Johanniter, der Malteser Hilfsdienst und der Arbeiter-Samariter-Bund in Hamburg Träger von Geflüchtetenunterkünften. Nach dem Königsteiner Schlüssel werden in Hamburg 2,56% der Geflüchteten aufgenommen (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 01.01.2017). Im Jahr 2015 erreichte der Zuzug von Geflüchteten mit 22.315 in Hamburg verbliebenen Menschen – davon 21.018 mit Unterbringungsbedarf – seinen Höhepunkt. „Kein Platz zur Unterbringung: Flüchtlings-Notstand in Hamburg“ (Mopo 01.10.2015) titelte die Hamburger Morgenpost am ersten Oktober 2015. Hier wird auf die rund 500 Menschen Bezug genommen, die aufgrund mangelnder Unterbringungsmöglichkeiten eine Nacht vor der Registrierungsstelle in der Harburger Poststraße auf der Straße verbringen mussten. Der ungleichmäßige Zuzug habe die Unterbringung von Geflüchteten nicht kalkulierbar und damit nicht handhabbar gemacht, so die Hamburger Innenbehörde.

Die Problematik der Unterbringung versuchte die Stadt zunächst mit improvisierten Zeltunterkünften zu lösen. Diese Unterbringungen wurden aber schnell zu einem (gesundheitlichen) Risiko, da weder angemessen Schutz vor der aufkommenden Kälte noch vor dem Regen geboten werden konnte (vgl. Mopo 13.10.2015, 18.10.2015). Die anderweitige Unterbringung in Gebäuden sowie die Aufrüstung der Zeltunterkünfte mit Heizungen erfolgten nicht schnell genug (vgl. Mopo 13.10.2015). Dass die Stadt in Bezug auf die Unterbringung von Geflüchteten ihren Aufgaben nicht angemessen nachkam, wurde jedoch nicht nur an den Zeltunterkünften deutlich. Ein Mitarbeiter von Fördern & Wohnen beschrieb die Situation in Hamburgs Unterkünften mit den folgenden Worten: „Die medizinische Versorgung – ein Trauerspiel. Die Zahl der Infektionserkrankungen – dramatisch. Die Lebensumstände für die Menschen – untragbar“ (Mopo 05.08.2015). Neben Mitarbeitenden und ehrenamtlich Helfenden, regte sich auch unter den Geflüchteten Protest gegen die Bedingungen. Als Reaktion auf die Unterbringung in dem ehemaligen Max-Bahr-Baumarkt in Bergedorf campierten Geflüchtete auf dem Gehweg (vgl. Mopo 29.09.2015). Sowohl die Umsiedlung der Geflüchteten von der Messehalle in den ehemaligen Baumarkt in der Nacht auf Samstag als auch die Bedingungen in der neuen Unterkunft waren, so eine ehrenamtliche Helferin, Zeichen von „humanitärem Totalversagen“ (vgl. Mopo 26.09.2015). Am Dienstagabend beendeten die Geflüchteten ihre Proteste, nachdem ausreichend Feldbetten sowie Abtrennungen für den Sichtschutz zur Verfügung gestellt wurden.

Neben den inadäquaten Bedingungen im Rahmen der bestehenden Unterbringungen, wurde immer wieder thematisiert, dass zu wenige neue Unterkünfte realisiert werden konnten. Im Hamburger Ortsteil Klein Borstel wurde, als Reaktion auf die Klage von Anwohner*innen, durch das Hamburger Verwaltungsgericht ein Baustopp verhängt. Der Bebauungsplan sah eine „friedhofsbezogene Nutzung“ der Fläche vor (Mopo 04.11.2015). Unterstützer*innen der Unterkunft meldeten unter dem Motto „Wir wollen Flüchtlinge als Nachbarn“ eine Demonstration an, um sich explizit für den Bau einer Unterkunft auszusprechen. Wiederholt thematisierte die Hamburger Morgenpost Gegenüberstellungen von Befürworter*innen und Gegenstimmen – so auch in dem wohlhabenden Stadtteil Harvestehude. Die geplante Unterkunft an der Sophienterrasse „spalte“ Harvestehude (Mopo 07.07.2015). Die eine Seite hielt es für notwendig Geflüchtete aufzunehmen und die ‚Integrationskraft‘ zu nutzen, die andere Seite forderte, dass die Unterbringung in anderen Stadtteilen geschehe. Der gerichtlich erzwungene Baustopp geht auch hier auf einen abweichenden Bebauungsplan zurück. Der aus den 1930ern stammende Bebauungsplan weise das Gebiet als besonders geschütztes Wohngebiet aus, was mit der geplanten Größe der Unterkunft nicht vereinbar war. Aber auch in weiteren Stadtteilen keimten Diskussionen auf. Sie formierten sich in dem Stadtteil Neugraben-Fischbek entlang der geplanten Unterbringung von circa 3.000 Geflüchteten. Im Rahmen der Initiative „Neugraben-Fischbek: Nein zur Politik, ja zur Hilfe“ gingen 800 Demonstrierende auf die Straßen. Ein Mitglied der Bürgerinitiative erklärte, dass man „ja Flüchtlinge im Stadtteil integrieren wolle – aber eben nicht so viele“ (Mopo 25.10.2015). Mitbegründer*innen der Initiative „Willkommen in Fischbek“ stellten sich der Argumentation entgegen. Auf die Titelfrage „Wie kriegen wir das bloß hin?“, antworteten die Unterstützer_innen ganz pragmatisch: „Dann packen wir das an!“ (Mopo 27.09.2015). Ein weiteres Beispiel stellt die Diskussion um die Unterkunft im Jenfelder Moorpark dar. Die Hamburger Morgenpost beschrieb in diesem Rahmen wie „Mandy und Sandy zu Flüchtlingshelfern wurden“ – stellte das Engagement in Jenfeld anhand zweier Schwestern dar, die sich für die Unterbringung Geflüchteter stark machten. Charakterisiert werden die beiden Helferinnen vor allem in Bezug auf ihre Rolle als Mütter, was Engagement implizit mit Rollenbildern sich sorgender Mütter verknüpft (vgl. Mopo 30.07.2015). Auch im Umland der Metropole wurde das Thema eingehend diskutiert, wie etwa im Dorf Sumte, Kreis Lüneburg. Das 102-Einwohner*innen-Dorf sollte nach anfänglichen Plänen bis zu 1.000, später bis zu 750 Geflüchtete aufnehmen. Im November 2015 bezogen dann erste Geflüchtete das alte Bürogebäude (vgl. Mopo 03.11.2015). Nur fünf Monate später titelte die Hamburger Morgenpost „Dorf zittert um Asylheim: Sumte gehen die Flüchtlinge aus“ (Mopo 04.04.2016). Die Rede ist von nicht einmal mehr 300 Menschen in der Unterkunft – Tendenz abnehmend.

Die genannten Beispiele – von unangemessenem Wohnraum, verhinderten Unterkünften und leerstehenden Unterbringungsmöglichkeiten in bestehenden Unterkünften sowie in leerstehenden Wohnungen und Häusern in Hamburg (vgl. Mopo 29.09.2015) – deuten auf eine Überforderung staatlicher Strukturen in Bezug auf die adäquate Unterbringung sowie Verteilung der Geflüchteten hin. Die mediale Berichterstattung zu dem Thema Unterbringung zeichnet sich vor allen Dingen durch die Darstellung dieser Überforderung aus. Daneben kann jedoch beobachtet werden, dass diese strukturelle Lücke teils mit einem Aufkommen zivilgesellschaftlichen Engagements kompensiert wurde.

Ehrenamtliche Mitarbeitende suchten, als Reaktion auf die schlechten Bedingungen in den Unterkünften, keine Hilfe bei der Stadt, sondern wandten sich an Privatpersonen (vgl. Mopo 18.10.2015). Die Zurverfügungstellung von Wohnraum reichte von einzelnen Nächten über mehrere Jahre, von Firmenzentralen und Nachtclubs bis hin zu Privatwohnungen. Die Geschäftsführerin des Musikclubs DOCKS ließ zeitweise 150 geflüchtete Menschen in dem Club übernachten, Luftmatratzen und Isomatten wurden über die sozialen Netzwerke organisiert (vgl. Mopo 30.10.2015). „Wenn du selbst Mutter bist, lässt du Kinder nachts nicht auf der Straße“ schlafen, begründete die Geschäftsführerin ihr Verhalten, wodurch diese ihr Engagement direkt mit Mutterschaft verknüpfte. Der „Steakhouse-König Eugen Block“, der in einem Artikel der Hamburger Morgenpost erklärte, warum er „Flüchtlingen“ hilft (Mopo 01.07.2015), stellte die Ex-Firmenzentrale seines Unternehmens für zwei Jahre als Unterkunft zur Verfügung. Dabei gehe es ihm aber nicht nur um die Mietzahlungen durch die Stadt, wie Block betont, sondern vielmehr um das Anbieten eines Unterschlupfs.

Auch die (kurzfristige) Aufnahme Geflüchteter in Privatwohnungen war eine Möglichkeit, mit der die schlechte Versorgung durch die Stadt durch die Zivilgesellschaft kompensiert wurde. In der Hamburger Morgenpost wurden (prominente) Personen, wie die Sängerin Sarah Connor, die Geflüchtete aufnahm, als Vorbilder stilisiert (vgl. Mopo 17.10.2015). Es folgten, laut Hamburger Morgenpost, viele Hamburger*innen dem prominenten Beispiel. Ein Hamburger Manager nahm einen ehemaligen Geschäftspartner aus Syrien auf (vgl. Mopo 03.01.2015) und Privatpersonen räumten Zimmer, um geflüchteten Familien Platz zu machen. Die Hamburger Morgenpost bot Interessierten eine Art Leitfaden an: Wie „man unbürokratisch kurzfristig helfen [kann]“ (Mopo 17.10.2015). In diesem Leitfaden richtete sich die Zeitung sowohl an Privatpersonen, die ihre Wohnung zur Verfügung stellen wollen, als auch an Vermieter*innen, die bereit waren, ihre Immobilien an geflüchtete Personen zu vermieten. Die Suche nach Vermieter*innen stellt(e) Geflüchtete vor Schwierigkeiten. Das Projekt ‚Wohnbrücke Hamburg‘ hilft Geflüchteten bei diesem Schritt, indem Wohnungslots*innen ausgebildet werden (vgl. Mopo 08.04.2018). Diese helfen ehrenamtlich dabei den dringend benötigten Wohnraum für geduldete Geflüchtete in Hamburg zu finden. Bei diesem Projekt werden die Geflüchteten durch solche Wohnungslots*innen „wochenlang bei Anträgen und [schließlich auch] dem Umzug unterstützt“ (Mopo 08.04.2018).

Wie in den hier angeführten Beispielen erscheint die ehrenamtliche Unterstützung als notwendige, aber auch logische Folge im Umgang mit der Situation in Hamburg. Bürger*innenschaftliche Organisierung, im Sinne wohltätig agierender (Gruppen von) Bürger*innen, wurde vermehrt zum Ideal und zur beinahe einzig möglichen Lösung. Wie wird also die Unterbringung von Geflüchteten in einer Stadt verhandelt, in der Wohnraumknappheit und steigende Mieten seit Jahren ein Thema sind? In der medialen Verhandlung der Unterbringung Geflüchteter in Hamburg stehen sich zwei Bilder gegenüber: die versagenden staatlichen Strukturen beziehungsweise Proteste gegen staatliche Maßnahmen zur Unterbringung der Geflüchteten und das kompensierende zivilgesellschaftliche Engagement.


 

Quellen

Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (01/2018): Daten zur Zuwanderung. Hamburg.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (01.01.2017): Erstverteilung der Asylsuchenden (EASY).

Fördern & Wohnen: Fördern und Wohnen in Hamburg. Hamburg.

Hamburger Morgenpost (03.01.2015): Hamburger Manager: Ich lasse einen Flüchtling bei mir wohnen, In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (01.07.2015): Ex-Firmenzentrale wird Unterkunft: Steakhouse-König Eugen Block (74): Darum helfe ich Flüchtlingen. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (07.07.2015): Streit um Kreiswehrersatzamt: Harvestehude: Neue Pläne für Flüchtlingsheim. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (30.07.2015): Hilfsaktion im Jenfelder Moorpark: Wie Mandy und Sandy zu Flüchtlingshelfern wurden. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (05.08.2015): Flüchtlinge in Hamburg: Ein Insider packt aus: „In den Lagern herrscht Chaos“. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (26.09.2015): „Humanitäres Totalversagen“. Chaos-Umsiedlung mit 600 Flüchtlingen. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (27.09.2015): Flüchtlingscamps in Neugraben: Hans Korndörfer (63): „Wie kriegen wir das bloß hin?“. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (29.09.2015): Leerstand in der Schanze: Anwalt fordert: Beschlagnahmt das „Geisterhaus“! In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (29.09.2015): Nach Anwohner-Protest: Flüchtlinge räumen Straßenlager in Bergedorf. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (01.10.2015): Kein Platz zur Unterbringung: Flüchtlings-Notstand in Hamburg. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (13.10.2015): Die Kälte wird zur Gefahr: Flüchtlinge in Hamburger Frost-Fall. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (17.10.2015): Sarah Connor macht es vor: Soll ich auch einen Flüchtling aufnehmen? In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (18.10.2015): Flüchtlingszelte in Jenfeld: Jetzt regnet’s auch noch rein! In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (25.10.2015): Gegen Flüchtlingspolitik: 800 Teilnehmer auf Demo in Neugraben-Fischbek. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (30.10.2015): Nacht zu Freitag: Musikclub „Docks“ nimmt spontan 150 Flüchtlinge auf.

Hamburger Morgenpost (03.11.2015): Auf dieses Dorf schaut die Welt: Sumte: 102 Einwohner, 750 Flüchtlinge. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (03.11.2015): Sumte (Landkreis Lüneburg): Erste Flüchtlinge im 102-SeelenDorf eingetroffen.

Hamburger Morgenpost (04.11.2015): Umstrittene Asyl-Unterkunft: Klein Borstel: Wir wollen Flüchtlinge als Nachbarn. In: Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (04.04.2016): Dorf zittert um Asylheim: Sumte gehen die Flüchtlinge aus. In. Hamburger Morgenpost.

Hamburger Morgenpost (08.04.2018): Neues Wohnprojekt: Wie Familie Bakr ein Zuhause fand. In: Hamburger Morgenpost.

ZKF, Zentraler Koordinierungsstab Flüchtlinge (03.01.2018): Dezember: 640 Plätze in Harburg und Eimsbüttel eröffnet, Zahl der Überresidenten weiter gesunken. Zentraler Koordinierungsstab Flüchtlinge (ZKF) zieht Monatsbilanz. Hamburg.

 

Dieses Impulapapier basiert auf Diskursanalysen im Zeitraum von 01/2015-01/2018, die vom Teilprojekt Kassel des BMBF Verbundprojekts „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland“ in unterschiedlichen lokalen und überregionalen Tageszeitungen durchgeführt worden ist.

Teilprojekt Kassel: „Ehrenamtliche und professionelle Unterstützungsarbeit mit und für Geflüchtete(n)“