Von der rassistischen Normalität

von Marlene Göhl.

 

Die Art und Weise in der Rassismus in öffentlichen Medien und Debatten thematisiert wird, lässt häufig den Eindruck entstehen, dass Rassismus ausschließlich von Menschen ausgehen würde, die einer extremen Rechten zuzuordnen sind. Dadurch wird zugleich vermittelt, dass sich Rassismus als ein Randphänomen eben ausschließlich innerhalb der extremen Rechten verorten ließe (vgl. Messerschmidt 2007). Dass dieses Verständnis von Rassismus massiv zu kurz greift, lassen nicht erst die rassistischen Eskalationen der letzten Jahre offensichtlich werden. Rassismus ist mehr, als die medialen Verweise auf klar erkennbare und benennbare randständige Einzeltäter*innen oder eine Ansammlung von Ressentiments. Als ein kulturelles und damit soziales Phänomen durchzieht Rassismus gesellschaftliche Ordnungen und beschreibt damit ein gesellschaftliches Machtverhältnis, das durch ein „System von Diskursen und Praxen“ (Rommelspacher 2011: 29) hergestellt, reproduziert und legitimiert wird.

 

Wie Menschen zu ‚Anderen‘ gemacht werden

Rassismus als gesellschaftliches Machtverhältnis funktioniert in erster Linie über Ausschlüsse. Einzelne Menschen werden aus sozialen Gruppen ausgeschlossen beziehungsweise als Zugehörige oder Nicht-Zugehörige hergestellt und bewertet. In diesem Zusammenhang lassen sich derlei Ausschlüsse dann als Grenzziehungen verstehen, durch welche als nicht-zugehörig Markierte ausgeschlossen (verandert) werden. Die rassistische Zuschreibung von ‚Andersheit‘ verändert sich dabei mit dem historischen und gesellschaftlichen Kontext. Im deutschen Willkommenskulturdiskurs ab 2015 wird etwa deutlich, in welcher Weise geflüchtete Menschen in der bundesdeutschen Gesellschaft verandert werden.

„Sie müssen möglichst rasch unsere Sprache lernen und mit den völlig anderen kulturellen Verhältnissen klarkommen.“ (SZ 11.07.2017).

Unter Veranderungen werden rassistische Grenzziehungen verstanden, auf deren Grundlage die Zuschreibung von ‚Andersheit‘ erst entwickelt wird. Das heißt, dass durch Grenzziehungsprozesse ‚Andersheit‘ hergestellt und zugleich an vermeintlich biologisch festgelegte Merkmale wie ‚Rasse‘ oder Ethnie geknüpft wird.

„Immer wieder öffnet Fürll die Tür und schaut auf den Gang. Die Ruhe beunruhigt ihn zunehmend. Sein ‚Spickzettel‘ für den Nachmittag ist eng beschrieben mit Namen, Ländern und Uhrzeiten. Er klopft mit dem Kugelschreiber auf die Platte des großen runden Tisches und murmelt: ‚Ja, ja, die deutsche Tugend Pünktlichkeit?‘“ (SZ 24.10.2015).

Im Zuge dieser Veranderung werden Fluchtbiografien exotisiert und geflüchtete Menschen als ‚Andere‘ zu einem einheitlichen Kollektiv erklärt Menschen mit Fluchtbiographie werden auf diese Weise vereinheitlicht und gesellschaftliche Zugehörigkeitsgrenzen erscheinen unüberwindbar.

„Ein großer Teil hat keine nach deutschen Maßstäben vergleichbare Schulbildung und keine Berufsausbildung. Bei uns würden sie als Helfer eingestuft. Es gibt auch gut ausgebildete Spezialisten, aber schätzungsweise 70 bis 80 Prozent verfügen über keine geeignete Qualifizierung“ (SZ 11.07.2017).

 

Rassismus? Gibt’s hier nicht!

Im Gegensatz zur Konstruktion der ‚Anderen‘ ist die Herstellung des ‚Eigenen‘ durch dezidiert positive Attribuierungen gekennzeichnet. Indem die ‚eigene‘ Güte konsequent hervorgehoben wird, wird sich gleichzeitig von einem negativ markierten ‚Anderen‘ abgegrenzt.

„Allerdings gab es darüber wohl recht intensive Gespräche der beiden. Ergebnis: Rozan ist auf deutschem Boden überzeugt worden, dass seine Rolle als arabischer Mann Kinderbetreuung nicht grundsätzlich ausschließt. Für so viel moderne Einstellung lässt er sich jetzt gerne loben“ (SZ 09.09.2016).

Durch diese Abgrenzung wird zusätzlich ein Ungleichheitsverhältnis hergestellt. In diesem Ungleichheitsverhältnis erscheinen geflüchtete Menschen in ihrer ‚Andersheit‘ dann nicht nur als nicht-zugehörig, sondern auch als eine Bedrohung der bundesdeutschen gesellschaftlichen Verhältnisse.

„Es sei nur eine Frage der Zeit gewesen, bis die Situation unter den 1 100 Bewohnern aus 20 Nationen eskaliert. ‚Die Zuspitzung der Lage und der daraus folgende Polizeieinsatz im Camp machen betroffen, haben uns aber nicht überrascht‘, sagt Eric Hattke vom Netzwerk ‚Dresden für Alle‘“ (SZ 03.08.2015).

Mit anschließenden Zuschreibungen werden Geflüchtete bedrohlich für die Gesamtgesellschaft : Entlang der Konstruktion von Menschen mit Fluchtbiografie als sexuell übergriffig, kriminell, gewalttätig, ungebildet und weiterem mehr. Die Zuschreibungen sprechen unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche und Personengruppen an und lassen Geflüchtete so insgesamt zu einer Bedrohung werden.

„Die Silvesternacht von Köln vor einem Jahr hat auf drastische Weise gezeigt, wohin es führen kann, wenn Männer aus anderen Kulturen Frauen gegenüber keine Grenzen kennen“ (HNA 16.12.2016).

Zusätzlich zu der Konstruktion von Bedrohlichkeit werden Menschen mit Fluchtbiografie zudem durch eine Vielzahl von problematischen Seins- und Verhaltensweisen charakterisiert. Auf diese Weise werden sie zu einem grundsätzlichen Problem für die bundesdeutsche Gesellschaft erklärt und ihre Anwesenheit in Deutschland als eine Krise markiert. In diesem Zusammenhang lässt sich als Reaktion auf diese Krise eine starke Vergemeinschaftung des ‚Eigenen‘ unter dem Label der Willkommenskultur erkennen.

„Es gibt viele Menschen in Deutschland, die montags nicht auf die Straße gehen. Es gibt auch viele Dresdner, die nicht gegen die Protestler protestieren. Die sich stattdessen, still im Hintergrund, für Hunderte Flüchtlinge engagieren, die hier in Wohnungen, Heimen und Notunterkünften eine Bleibe gefunden haben. Benjamin Schöler ist sich sicher, dass es dieses andere, weltoffene Dresden gibt“ (SZ 02.11.2015).

Indem sich das bundesdeutsche ‚Eigene‘ als eine willkommenskulturelle Gesellschaft herstellt, kann sich diese gleichzeitig als von jedem Rassismus frei behaupten. Denn Rassismus wird in dieser Konstruktion als etwas herausgestellt, das der willkommenskulturellen Gesellschaft widerspricht.

„Wie verhalte ich mich gegenüber Flüchtlingen? ‚Immer offen‘, sagt Maike Oertel von der Koordinationsstelle für ehrenamtliche Hilfe und Flüchtlinge der Gemeinde Lohfelden. Um Berührungsängste abzubauen, sei das beste Mittel der Einstieg in die ehrenamtliche Hilfe“ (HNA 16.10.2015).

Diese Konstruktionen erscheinen dabei jedoch nicht als das Produkt menschlichen Denkens und Handelns, sondern vielmehr als objektive Wahrheiten, als Erfahrungen und Beobachtungen, sodass der dahinterliegende Rassismus zurückgewiesen werden kann. Rassistische Äußerungen von Menschen, die als Zugehörige des bundesdeutschen ‚Eigenen‘ bewertet werden, werden entsprechend nicht als solche benannt. Sie werden als Ängste und Sorgen herausgestellt und erhalten damit den Anstrich legitimer menschlicher Gefühlsregungen angesichts der ‚Andersheit‘ geflüchteter Menschen.

„Dennoch ist ihr wichtig, mit Blick auf die vielen Asylproteste klar zu differenzieren. So wie sich nicht hinter jedem Moslem ein Terrorist verbirgt, ist auch nicht jeder, der sorgenvoll auf den Flüchtlingsstrom blick, ein Ausländerfeind. Die andere Sprache, Kultur, Mentalität: All das könne zum Problem werden, wenn man es schleifen lässt – und immer mehr Leute hier Zuflucht suchen“ (SZ 13.10.2015).

Oft wird Rassismus erst dann als solcher benannt und thematisiert, wenn es zu intendierten gewaltvollen Handlungen kommt. Damit geht jedoch einher, dass Rassismus als gesellschaftliches und strukturelles Verhältnis unbeachtet bleibt. Rassistisch Handelnde werden dabei als Zugehörige einer politischen Rechten markiert und einer mehrheitlichen als demokratisch ausgewiesenen Mitte gegenübergestellt.

„‘Ich bin immer wieder schockiert, wie verbreitet dieses rechte Gedankengut in der Gesellschaft ist.‘ Für sie ist klar: ‚Das sind Neonazis, Rechtsradikale, Rassisten.‘“ (HNA 05.04.2016).

Dadurch, dass rassistisch handelnde Personen an einem rechten Rand der Gesellschaft verortet werden, kann sich die demokratische Mitte als frei von Rassismus darstellen. Diese Mitte wiederum ist die Grundlage der willkommenskulturellen Gesellschaft. Indem sich die demokratische Mitte respektive die willkommenskulturelle Gesellschaft von einer rassistischen Rechten abgrenzt, kann sie sich von jeder Verantwortung für die Entwicklung von Rassismus und einer politischen Rechten freisprechen. Zusätzlich werden geflüchtete Menschen mitverantwortlich dafür gemacht, dass sich Rassismus entwickelt und ausweitet.

„Solche Vorkommnisse wie die Massenschlägerei in Calden mit knapp 400 Beteiligten tragen nicht unbedingt zu einer besseren Stimmung bei“ (HNA 10.10.2015).

Ein wichtiger Bestandteil dieses Gesamtbildes die Debatten und Diskurse um Integration. Durch Integration sollen die gesellschaftlichen Verhältnisse beruhigt werden, die durch die Anwesenheit geflüchteter Menschen in Unruhe geraten sind. Hier erfüllt das oben beschriebene Ungleichheitsverhältnis eine bedeutende Funktion, indem die geflüchteten ‚Anderen‘ als zivilisatorisch Unterlegene hergestellt werden.

„Viele hätten nur wenig Vorwissen über Sexualität. Zudem sei das Sprechen darüber stärker mit Scham belegt als bei einheimischen Männern. Als Beispiel nennt er das Thema Selbstbefriedigung und den Irrglauben, dies sei gesundheitsschädlich. ‚Da habe ich mich um ein paar Jahrzehnte zurückversetzt gefühlt‘, sagt der Sexualberater, der bei pro familia auch mit gewalttätigen Männern arbeitet“ (HNA 16.12.2016).

 

Für immer zu Gast…

Im Zusammenhang der Integration zeigt sich, dass Zugehörige des ‚Eigenen‘ als handelnde Subjekte in Erscheinung treten, während Menschen mit Fluchtbiografie als passive Objekte herausgestellt werden, auf die sich dieses Handeln bezieht. Integration beschreibt dann die absolute Anpassung geflüchteter Menschen und zielt darauf ab, sie zum Deutschsein zu erziehen. Dem liegt zugrunde, dass sich die bundesdeutsche Gesellschaft als das Ideal einer zivilisierten Gesellschaft versteht, demgegenüber die als unterlegen und problematisch konstruierten geflüchteten ‚Anderen‘ als unzivilisiert erscheinen. Vor diesem Hintergrund wirkt Integration als Instrument der Regulierung und Zivilisierung geflüchteter Menschen.

„‘Die Flüchtlinge brauchen eine Vater- oder Mutterfigur, die ihnen das mit der Pünktlichkeit und Disziplin erklärt.‘“ (HNA 27.04.2015).

Die ‚deutsche‘ Lebensweise wird dabei als die einzige legitime herausgestellt, der gegenüber ‚andere‘ Lebensweisen als illegitim erscheinen. So gilt es, diese abzulegen, um sich zu integrieren. Doch auch durch Integration kann sich an das deutsche Ideal bloß angenähert werden. Trotz integrativer Erziehung zum Deutschsein werden geflüchtete ‚Andere‘ niemals als der bundesdeutschen Gesellschaft zugehörig gewertet. Integration beschreibt dann einen Einschluss am Rande, durch den sich das konstitutive Ungleichheitsverhältnis konsequent aufrechterhalten lässt.

„Unter der Spüle wird der Müll gesammelt – getrennt nach Bioabfällen, Restmüll und Wertstoffen für den gelben Sack. Aus Syrien kennt die Familie das nicht. ‚Aber es ist klar, dass wir uns anpassen an die Regeln und Traditionen, die hier gelten‘, sagt Lina Al-Mohammed. ‚Schließlich sind wir hier zu Gast.‘“ (HNA 24.12.2015).

Während sich Veranderungen und zivilisatorische Errungenschaften der Moderne auf diese Weise auch in der deutschen Mülltrennung manifestieren, werden die mit dieser verbundenen Werte von Ordnung, Sauberkeit und Genauigkeit Geflüchteten abgesprochen. ‚Wir‘ werden in diesem Zusammenhang zu den guten Unterstützer*innen, die den armen und unzivilisierten ‚Anderen‘ die Welt erklären. Diesen Konstruktionen liegen deutlich rassistische Differenzierungspraxen zugrunde, die im dominanten medialen Diskurs jedoch in keiner Weise thematisiert, geschweige denn kritisiert werden. Vielmehr zeigt sich, dass Rassismus oftmals erst dann benannt und kritisiert wird, wenn er sich in Form intendierter gewaltvoller Handlungen zeigt und die in dieser Form Handelnden als Zugehörige einer gesellschaftlichen Randgruppe ausgeklammert werden, die in den Gegensatz zu der freiheitlich-demokratischen Willkommenskultur gestellt werden.

 

Literatur

Rommelspacher, B. (2011): Was ist eigentlich Rassismus? In: Melter, C. & Mecheril, P. (Hg.): Rassismuskritik. Bd 1: Rassismustheorie und -forschung. Schwalbach.