Was motiviert ehrenamtliches Engagement?

von Helen Schwenken

Ehrenamtliches Engagement für Geflüchtete – warum?

Während der Hochphase der Fluchtzuwanderung war den Medien fast täglich zu entnehmen, dass Menschen bis zum eigenen Zusammenbruch Tag und Nacht den neuankommenden Geflüchteten halfen. Auch heute noch engagieren sich viele. Waren zunächst vor allem junge Leute in Städten aktiv, so verschob es sich zunehmend auf, so lässt sich zuspitzen, Ältere im ländlichen Raum. Die idealtypische Ehrenamtliche ist heute die ‚Deutsch unterrichtende pensionierte Lehrerin‘.

 

Die Motivation der Engagierten

Anders als in gesellschaftlich unumstrittenen Feldern des Ehrenamtes wie Sport oder Musik, sind Flucht und Migration polarisierend. Was also motiviert Ehrenamtliche? Die Caritas bietet auf ihrer Webseite dazu einen Selbsttest an. Dabei kann herauskommen, und das ist nicht selten, dass mir eigentlich gar nicht so wichtig ist, etwas Sinnvolles zu tun, sondern ich vor allem Leute kennen lernen oder nette Abende verbringen will. Das ist der „Engagementtypus ‚Der Gesellige‘“. Dann gibt es „Die Entdecker“, die mal in ihnen neue Sphären der Gesellschaft reinschnuppern wollen. Viele hören schnell wieder auf. „Die Einmischer“ wollen Gesellschaft oder Politik verändern und sind auch nicht damit zufrieden einfach nur zu helfen. ‚Selbstlos‘ ist somit das meiste ehrenamtliche Engagement nicht.

Wie stellt sich das beim ehrenamtlichen Engagement für Geflüchtete dar? Die ersten repräsentativen Umfragen aus 2015 – die von Serhat Karakayalı und Olaf Kleist initiierten EFA-Studien – zeigen, dass es vornehmlich nicht diejenigen sind, die schon in Vereinen, Kirchengemeinden und dem Elternrat aktiv sind, sondern sich tatsächlich neue Gruppen an Menschen begannen zu engagieren. D.h. für die Wissenschaft, die in der Forschung zu bürgerschaftlichem Engagement oder sozialen Bewegungen eine lange Tradition in diesem Feld, war gar nicht so klar wer die Träger_innen der Willkommenskultur waren und was sie antrieb. Die Umfragen unter den Aktiven bringen zur Motivation der Hilfeleistung folgende Erklärungen zutage:

Es motiviert:

  • erstens, die ethische Überzeugung, dass es Gründe gibt in Deutschland aufgenommen zu werden.

  • Zweitens, die Kompensation unzureichender staatlicher Unterstützung. Ein Ausdruck davon ist, dass die Hälfte der aktiven Initiativen keine staatlichen Mittel beantragen möchte, um unabhängig zu bleiben.

  • Drittens, der Wunsch Bedingungen zu schaffen, damit Geflüchtete dauerhaft Teil der Gesellschaft werden. Interessant ist, dass viele Ehrenamtliche nicht die Übernahme ‚deutscher Normen‘ durch die Geflüchteten fordern, sondern anderen kulturellen Praktiken mit Neugierde begegnen. Das heißt, dass Deutschland als Migrationsgesellschaft gesehen wird, die sich durch Migration verändert.

  • Viertens, rund 80% der Aktiven sehen ihr Engagement als Statement gegen rechte Stimmungsmache.

 

Charakter der Willkommenskultur: Soziales und politisches Engagement

Das soziale, karitative Engagement in der Willkommenskultur ist zweifelsohne zentral. Aber diejenigen, die über Jahre bei der Stange bleiben, befassen sich zunehmend mit Ursachen und Politik: Warum bleibt der Familiennachzug für Flüchtlinge ausgesetzt? Warum sitzen Flüchtlinge in libyschen und griechischen Lagern fest? Warum kann trotz der Geltung internationalen Seerechts und des Völkerrechts die Hilfeleistung für in Seenot geratene Schiffe mit Flüchtlingen behindert werden? Aktuell politisieren sich vor allem die Jüngeren in den Willkommensinitiativen. Das wird in Zeiten großer Zugewinne rechter Parteien selten gesehen. Ein dezidiert politisches Bewusstsein lässt sich in vorherigen Wellen von Flüchtlingssolidarität sehen. In den 1960er und 1990er Jahren waren viele aktiv, weil sie auf die Diktaturen in Lateinamerika oder die Verantwortung des Globalen Nordens für Kriege hinweisen wollten. Zugleich werden in vielen Willkommensinitiativen aktuell schwierige Themen ausgeklammert und das Verbindende in einer Gruppe oder das, was in einer gespaltenen Kommune akzeptiert wird, ist das humanitäre, unpolitische Engagement. Das Interessante beim Engagement für Geflüchtete, vor allem im ländlichen Raum, ist: Das Engagement ist hoch politisch, aber die Akteure weisen, wenn man sie fragt, eine politische Motivation zurück. Serhat Karakayalı (2017) formuliert es so: „Man könnte von einer zivilgesellschaftlichen ‚Infrapolitik‘ sprechen, nicht nur, weil sie Infrastrukturen der Versorgung (vgl. Braun 2018) errichtet, sondern weil dieser Schwerpunkt es den Akteuren erlaubt, sich unterhalb eines als politisch kodierten sozialen Raums zu bewegen bzw. sich politischen Kritiken und Einordnungen zu entziehen“ - und zugleich aber ein politisches Statement gegen rechts zu setzen.


 

Braun, Katherine (2019): Genderpolitiken in karitativen Räumen des Willkommens. In: Binder,Beate; Bischoff, Christine; Endter, Cordula; Hess, Sabine; Kienitz, Sabine (Hg): Care: Praktiken und Politiken der Fürsorge Ethnographische und geschlechtertheoretische Perspektiven. Opladen: Barbara Budrich. Im Erscheinen.

Karakayalı, Serhat (2017). ‚Infra-Politik’ der Willkommensgesellschaft. Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 30(3), pp. 16-24. Retrieved 4 Sep. 2018, from doi:10.1515/fjsb-2017-0056.

Kleist, Olaf/ Karakayalı, Serhat (2015): EFA-Studie Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland. Berlin: BIM.