„Wir sind jetzt Teil der Geschichte Hamburgs“

Der Kampf um Bleiberecht der Gruppe Lampedusa in Hamburg 


Ali Ahmed ist Teil der Gruppe Lampedusa in Hamburg. Die Gruppe vereint, dass ihre Mitglieder –  Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hintergründe – aufgrund des Nato-Angriffs auf Libyen im Jahr 2011 nach Europa fliehen mussten. Auf der italienischen Insel Lampedusa durchliefen sie ein Asylverfahren; aufgrund von Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit reisten sie weiter nach Deutschland. Seit dem Jahr 2013 kämpft Lampedusa in Hamburg für ein Bleiberecht mit Arbeitserlaubnis für die gesamte Gruppe.
 

Wie bist du nach Hamburg gekommen?

Ich komme aus dem Sudan und kam über die Wüste Sahara nach Libyen. Aufgrund des Nato-Angriffs auf Libyen im Jahr 2011 war ich gezwungen, das Mittelmeer zu überqueren. Ich habe fünf Monate lang in einem Camp auf Lampedusa in Italien gelebt, bis ich dort Dokumente erhielt. Ich ging nach Rom, und weil ich dort weder Arbeit noch eine Wohnung gefunden habe, bin ich nach Hamburg gegangen. Als ich Ende 2012 in Hamburg ankam, hatte ich keine Wohnung. Ich kam im Winternotprogramm der Caritas unter. Die Caritas stellt wohnungslosen und arbeitslosen Menschen einen Schlafplatz und manchmal etwas zu essen zur Verfügung. Ich konnte bis April bei der Caritas unterkommen. Am 15. April wurde mir und meinen Freunden gesagt, das Winternotprogramm sei vorbei: „Jetzt ist kein Winter mehr.” Wir waren wohnungslos, hatten nichts.
 

"Wir wollen arbeiten, wir wollen teilhaben, unsere Kinder unterstützen, unsere Miete und Steuern bezahlen."


Und wie kam es dann, dass ihr euch zu Lampedusa in Hamburg zusammengefunden habt?

Wir saßen auf der Straße. Wir mussten zu Fuß zur Caritas oder zur Moschee, um etwas zu essen zu bekommen. So haben wir uns, die aus Libyen nach Hamburg gekommen sind, gefunden. Wir fanden heraus, dass wir alle die gleiche Geschichte hatten:  “Du bist…?” –  “Ich bin von Libyen gekommen.” –   “Wann?” –  “Als die Nato Libyen angegriffen hat.” – „Welche Dokumente hast Du?“ – „Italienische. Und Du?“ – „Italienische.“ Wir haben alle unterschiedliche Nationalitäten, sprechen unterschiedliche Sprachen. Manche von uns sprechen Englisch, manche Französisch, manche Portugiesisch. Einige von uns sprechen lokale afrikanische Sprache wie Bambara, Twi, Hausa oder Fula. Manche von uns sprechen Arabisch. Wir sagten uns: „Wir alle befinden uns in einer schwierigen Situation. Wie sollen wir weitermachen? Lasst uns zusammenkommen.” 

Uns war es gut gegangen in Libyen. Wir hatten Arbeit, konnten regelmäßig Geld an unsere Familien schicken. Unsere Kinder gingen zur Schule. Jetzt, mit der Situation in Libyen, haben wir nichts mehr. Wer ist verantwortlich für unsere Zukunft? Wer ist dafür verantwortlich, dass unsere Leben zerstört wurden? Wir sind eine community geworden, eine Gruppe, eine Organisation – wie auch immer du uns nennen möchtest. Wir sagten uns, wir müssen Menschen in Hamburg finden, wir müssen uns mit der Bürger*innenschaft in Hamburg in Verbindung setzen, denn wir brauchen ihre Unterstützung. 

Wir haben die Gruppe „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge“ gefunden. Wir haben ihnen gesagt: „Die Nato ist verantwortlich. Sie hat unser Leben zerstört. Wir wollen arbeiten, wir wollen teilhaben, unsere Kinder unterstützen, unsere Miete und Steuern bezahlen.“ Die Leute von der Karawane haben uns geholfen. Wir haben eine Demonstration angemeldet und haben angefangen, Menschen zu mobilisieren. Anfangs hatten wir nur wenig Unterstützung, aber dann wurde sie immer größer, und schließlich wussten Menschen in Hamburg, Deutschland und ganz Europa von unserer Bewegung. 

Uns wurde gesagt: „Ihr müsst hier Asyl beantragen.“ Wir sagten: “Nein. Wir haben schon in Italien ein Asylverfahren durchlaufen. Ihr seid verantwortlich für unser Leben. Ihr seid Teil der Nato. Deutschland ist Teil der Nato, die unser Leben zerstört hat. Wir sind nicht zum Spaß hier. Wir stellen politische Forderungen, sind bereit, in Aktion zu treten“. Daraufhin haben wir kraftvolle politische Unterstützung erhalten.
 

"Wir sind jetzt Teil der Geschichte Hamburgs. Wir sind Teil der Zivilgesellschaft, wir haben familiäre Verbindungen zu Hamburg."


Wer hat euch unterstützt?

Verschiedene Medien und Gruppen haben uns unterstützt: Die einen haben unser Banner gedruckt, die anderen unsere Flyer, bei den anderen konnten wir unsere Treffen abhalten. Wir haben in Hamburg von ganz unterschiedlichen Gruppen Unterstützung bekommen, von linken Gruppen, aber auch von humanitären Einrichtungen, z.B. von der Kirche in St. Pauli, von der Moschee, von Restaurants, vom Akando-Eine-Welt-Café, von der Kulturfabrik Kampnagel und von Einzelpersonen.

Auch von der Gewerkschaft haben wir Unterstützung erhalten. Wir nahmen Kontakt zu Verdi auf: „Wir brauchen Eure Unterstützung. Jetzt sind wir Geflüchtete, Immigrant*innen. Wir sind wohnungslos und ohne Arbeit. Aber vergesst nicht, bevor wir nach Europa kamen, als wir noch in Libyen waren, waren wir Arbeiter*innen, wie ihr.“ Unter uns sind Tischler, Schneider, Köchinnen, Fahrer, eine Krankenschwester, ein Arzt. Die Leute von Verdi sagten: „Ja! Wir unterstützen euch.“ Wir gründeten das Projekt Lampedusa Professions. Gemeinsam mit einigen Leuten von Verdi und Künstler*innen haben wir eine Ausstellung organisiert und ein Buch veröffentlicht. Wir forderten, dass die Hamburger Regierung und die Bundesregierung unsere Qualifikationen und Berufe respektiert. 

Wir hatten viel Unterstützung, aber unsere Unterstützer*innen bekamen auch etwas von uns. Lampedusa in Hamburg wurde ein wichtiger Akteur in der Stadt. Viele der Gruppen, die uns unterstützen, kannten sich vorher nicht. Durch uns lernten sie sich gegenseitig kennen und vernetzten sich. Wir sind jetzt Teil der Geschichte Hamburgs. Wir sind Teil der Zivilgesellschaft, wir haben familiäre Verbindungen zu Hamburg. Einige von uns haben Kinder hier, sie sind mit Frauen und Männern deutscher Staatsbürger*innenschaft verheiratet. 

 

Seit 2013 kämpft Lampedusa in Hamburg für ein Bleiberecht für die gesamte Gruppe. Was wurde aus eurer Forderung?

Im Jahr 2015 haben die Grünen mit uns zusammengearbeitet. Sie kamen in die Regierung und haben mit der SPD eine Koalition gebildet. Sie haben sich für die Legalisierung der Lampedusa-Gruppe eingesetzt, dafür, dass die Stadt Hamburg der gesamten Gruppe per Erlass gemäß Paragraph 23 des Aufenthaltsgesetzes ein kollektives Aufenthaltsrecht aus humanitären Gründen erteilt. Wenn der Senat zustimmt, ist dieser Erlass gesetzesgemäß. Die rechten Flügel der SPD und der Grünen haben sich aber geweigert, dieser Lösung zuzustimmen. Deshalb stellen wir weiterhin unsere Forderung nach einem Gruppenbleiberecht. 

Einige aus unserer Gruppe kämpfen individuell für ihre Rechte. Ihnen wurde eine Duldung erteilt. Sie sind gut integriert, arbeiten, haben eine Beziehung, und weil sie deutsch sprechen, kennen sie die Gesellschaft gut. Sie haben's geschafft. Einige in der Gruppe stellen jedoch weiterhin die politische Forderung auf Aufenthalt nach Paragraph 23. Ich gehöre zu jenen in der Gruppe, die politisch für ihr Bleiberecht kämpfen.
 

"Wir engagieren uns für ein Zusammenleben, für eine Kultur des Friedens."


Wenn du zurückblickst, was hat sich verändert seit den Anfängen eurer Gruppe? Was hat sich persönlich für euch verändert? Wie hat sich eure Arbeit verändert?

Als wir 2013 anfingen, wussten wir nichts über Europa, über das Leben in Deutschland und in Hamburg. Mittlerweile pflegen wir viele Beziehungen, sei es über zivilgesellschaftliche Aktivitäten oder auf individueller Ebene. Einige von uns spielen Fußball in Hamburg, manche von uns haben angefangen Theater zu spielen, und manche haben sich bei Workshops an der Uni Hamburg eingebracht. Im Februar 2016 haben wir eine dreitägige internationale Konferenz für Geflüchtete und Migrant*innen auf Kampnagel organisiert und uns vernetzt. Wir integrieren uns nicht nur durch die Sprache, sondern durch Beziehungen. Wir werden zu Geburtstagen und Partys eingeladen und haben zusammen eine gute Zeit. Wir kennen die Spielzeiten des FC St. Paulis und schauen uns die Spiele an. 

Unser Engagement beschränkt sich nicht auf die Forderung nach Bleiberecht. Einige von uns kämpfen gegen den wachsenden Rassismus und die Diskriminierung in Europa. Ich treffe hier in Europa viele Menschen, die, wenn sie Geflüchtete oder Migrant*innen sehen, sofort vieles im Hinterkopf haben: Sie denken sich: „Die bringen noch mehr Geflüchtete“ oder: „Der kommt vom Krieg, ist hungrig.“ Sie schlussfolgern sofort: „Ist das ein Krimineller? Ist das ein Terrorist?“ Das ist rassistisches Denken. Unser Kampf gegen Rassismus äußert sich unterschiedlich: Einige von uns sind in der linken Bewegung involviert, manche sind in den linken Parteien involviert, andere bei den Grünen. Einige von uns engagieren sich unabhängig von den Parteien. 

Wir engagieren uns für ein Zusammenleben, für eine Kultur des Friedens. Denn wir flohen aus Kriegsgebieten, vor Hunger, vor wirtschaftlicher Not, vor Bürgerkriegen. Nach 2015 haben wir in Hamburg Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak getroffen. Wie wir sind sie vor Konflikten und Krieg geflohen. Wir saßen zusammen und haben uns ausgetauscht. Sie kommen mit psychologischen Problemen. Sie wollen sich nicht mit der Vergangenheit beschäftigen, sie wollen sich ein neues Leben aufbauen. 
 

"Ob du grün, konservativ, links, was auch immer du bist, wenn du gegen Rassismus, Diskriminierung, Homophobie und gegen das Patriarchat kämpfst, bist du willkommen."


Was ist deine Message an die Gesellschaft?

Wir brauchen gemeinsame Forderungen. In ganz Europa wachsen Rassismus und die Rechte. Nicht nur in Deutschland, wo es die AfD gibt. In Frankreich haben wir Marine Le Pen. In Italien und Österreich haben wir rechte Regierungen, ebenso in Großbritannien. In ganz Europa haben die Rechten in ganz Europa gemeinsame Forderungen: Sie mögen die Ausländer nicht, sie mögen die Muslim*innen nicht, sie mögen niemanden, der in ihr Land kommt, sie mögen die Europäische Union nicht. Was ist mit der Linken? Wir sind links, aber wir haben keine gemeinsamen Forderungen. Deshalb ist die Linke schwach. Wir haben keine gemeinsamen Ziele, für die wir kämpfen. Wir können auch mit Konservativen zusammenarbeiten, wenn sie sich gegen Menschenfeindlichkeit richten und den humanitären Gedanken leben. Egal, wie du politisch eingestellt bist. Ob du grün, konservativ, links, was auch immer du bist, wenn du gegen Rassismus, Diskriminierung, Homopbohie und gegen das Patriarchat kämpfst, bist du willkommen, um zusammen für gleiche Rechte, für Frieden und ein Zusammenleben in der Zukunft zu kämpfen. 

Es geht übrigens nicht nur um Geflüchtete und Migrant*innen. In Hamburg überrascht mich, dass ich Europäer*innen sehe, die wohnungslos und arbeitslos sind. Ich sehe Deutsche und Staatsbürger*innen der EU, die zur Caritas kommen, weil sie nichts zu essen haben. Es gibt hier keinen Krieg; es gibt Häuser, wo Menschen leben können. Meine Frage an die Gesellschaft ist: Wer ist verantwortlich für diese Menschen? Was läuft schief in der Gesellschaft, in der Demokratie in Deutschland und Hamburg? Haben diese Leute irgendetwas von der Demokratie? Das ist das Werk des kapitalistischen Systems. 
 

Was bräuchte es, um den gemeinsamen Aktivismus zu stärken?

Die Aktivst*innen müssen Informationen teilen. Viele Hamburger*innen und viele Menschen, die hier ankommen, wissen nichts von der Solidarität und dem Aktivismus. Die Medien zeigen immer nur negative Bilder. Wir sind auch Opfer der negativen Berichte der Medien. Es bräuchte mehr Informationen darüber, was tatsächlich passiert. Filme sind eine gute Möglichkeit, Informationen zu teilen. Denn viele Menschen schauen sich lieber Filme an als Nachrichten zu lesen oder im Radio zu hören. Es wäre auch gut, wenn wir Migrant*innen und Geflüchteten von professionellen Filmemacher*innen lernen könnten, selbst Filme zu produzieren. Ich selbst habe gefilmt als ich über die Sahara nach Libyen gekommen bin, ich habe gefilmt, wie ich über das Mittelmeer gefahren bin. Ich wollte dokumentieren und zeigen, warum und wie ich gekommen bin. Wir haben gutes Material, individuelle und kollektive Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden. 

 

Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Samia Dinkelaker