Chancen geben, Vertrauen und Zuhören

Tarek Khallouf von der mira-Beratungsstelle in Stuttgart über Arbeitsrechte und Teilhabe von Menschen mit Fluchterfahrung


Tarek Khallouf ist Jurist, kommt aus Syrien und lebt seit über drei Jahren in Deutschland. In Syrien hat er Jura und Internationale Beziehungen studiert. Nach Ausbruch des Kriegs in Syrien musste er sein Studium abbrechen. Heute ist er Berater im Rahmen des Projekts mira – „Mit Recht bei der Arbeit“. Seit Juli 2018 berät die Beratungsstelle in Stuttgart Menschen mit Fluchterfahrung zu ihren Arbeitsrechten und setzt sich gegen Arbeitsausbeutung von Geflüchteten ein. 


Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihrer Beratungsstelle?

Zu uns kommen Geflüchtete und Drittstaatler, also Menschen, die nicht aus der EU kommen. Sie suchen Rat, wenn sie eine neue Arbeit aufnehmen wollen. Wir überprüfen ihren Vertrag und beraten sie zu ihren Rechte und Pflichten. Einige Ratsuchende haben zum Beispiel ein oder zwei Monate gearbeitet, ohne ihr Gehalt erhalten zu haben und wurden dann fristlos gekündigt. Wenn Sie zu uns kommen, wissen sie oft nicht, was sie tun sollen. Sie haben kein Geld in der Tasche und können ihre Miete nicht bezahlen. Manche Ratsuchende bekommen ihre Überstunden nicht bezahlt, oder ihre Urlaubstage werden nicht abgegolten. Einige kommen zu uns, weil sie mehr als 12 Stunden am Tag arbeiten sollen. Und manche arbeiten bei Leiharbeitsfirmen. Obwohl sie eine Vollzeitstelle haben und immer in Bereitschaft sein müssen, werden sie nur für ein paar Stunden pro Monat eingesetzt. Am Ende des Monats bekommen sie kein Geld oder nur so viel, dass es nicht zum Leben ausreicht. Die Zeitarbeitsfirmen sagen: „Wir haben keine Aufträge“. Rechtlich ist das unzulässig, denn die Arbeitgeber*innen müssen für Gewinnaufträge sorgen, wenn sie Leiharbeitsfirmen einsetzen. Mit dem Einverständnis der Arbeitnehmer*innen kontaktieren wir als Beratungsstelle die Leiharbeitsfirmen und weisen darauf hin, dass die Rechtslage ihr Vorgehen nicht erlaubt. Wir fordern die Arbeitgeber*innen zur Zahlung auf. Wir konnten damit schon Erfolge zielen. Bei manchen Arbeitgeber*innen bewirkt es etwas, dass eine professionelle Beratungsstelle hinter den Menschen steht. Wenn wir damit keinen Erfolg haben, können wir die Angestellten dabei unterstützen, zum Arbeitsgericht zu gehen und eine Klage einzureichen.    


Gab es bereits erfolgreiche Fälle?

Einige Fälle von Beschäftigten, die eine Vertragsstrafe bekommen haben, laufen noch beim Arbeitsgericht. In einigen Fällen, die wir begleitet haben, haben die Arbeitnehmer*innen gewonnen, obwohl die Vorgesetzten von einem Anwalt begleitet wurde und die Angestellten nicht. Allerdings machen sich einige kleinen Firmen Pleite, so dass die Betroffenen Schwierigkeiten haben, ihr Geld zu bekommen.
 

"Wir sind fast die einzige Beratungsstelle in Baden-Württemberg, die für dieses Thema berät."


Wie erreichen Sie die Leute für das Beratungsangebot? 

Zu Beginn unserer Beratungsarbeit führten wir viele Kooperationsgespräche mit Jobcentern, Rathäusern, Integrationsmanagern und Unterkünften. Wir haben mira bei vielen Instituten und Behörden vorgestellt und arbeiten mit diesen Einrichtungen zusammen. Die Jobcenter verweisen bei Problemen mit dem Arbeitsrecht auf uns. Als Syrer habe ich den Vorteil, dass ich persönlichen Zugang zur Zielgruppe habe. Die Ratsuchenden finden uns auch über unsere Website; eine facebook-Seite befindet sich im Aufbau. Mittlerweile sind wir über den Großraum Stuttgart hinaus bekannt. Wir sind fast die einzige Beratungsstelle in Baden-Württemberg, die zu diesem Thema berät. Täglich erhalten wir mehr Anfragen. Es gibt viel Bedarf an unseren Themen, und wir sind bekannter geworden. 


Wer nimmt die Beratung vorwiegend in Anspruch?

80 bis 90 Prozent der Ratsuchenden sind Männer. Eines unserer Ziele ist, mehr Frauen zu erreichen. Die meisten Ratsuchenden kommen aus Syrien. Viele kommen aus dem Irak, Eritrea, Pakistan und Afghanistan. Von den Drittstaatlern, die ebenfalls zu unserer Zielgruppe gehören, kommen einige aus Marokko. Die meisten kommen aus den acht Hauptherkunftsländern. Einige Branchen fallen besonders auf: Die Ratsuchenden arbeiten häufig in der Baubranche, in der Reinigungsleiharbeit, im Security-Bereich, im Paketdienst oder in der Pflege. 

 

"Der Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass die Arbeitnehmer gleichbehandelt werden und nicht diskriminiert werden."


Wo liegen Schwierigkeiten in der Integration von Geflüchteten in Betrieben? 

Die Sprache und die fehlende Ausbildung bereitet sowohl den Geflüchteten als auch den Betrieben Schwierigkeiten. Einige Geflüchtete möchten schnell arbeiten und nehmen jede Art von Arbeit auf. Ich spreche nun vor allem die negativen Erfahrungen an, weil ich mit den Ratsuchenden über ihre Probleme spreche. Es gibt auch gute Arbeitgeber und Betriebe. Einige Geflüchtete fühlen sich aber nicht wohl im Betrieb, sie fühlen sich ausgegrenzt. Wir haben einmal einen Geflüchteten beraten, der in seinem Betrieb rassistisch diskriminiert wurde. Er beschwerte sich bei dem Arbeitgeber. Dieser sagte nur: „Was soll ich machen? Das ist eben so.“ Natürlich ist das unzulässig. Der Arbeitgeber muss dafür sorgen, dass die Arbeitnehmer gleichbehandelt werden und nicht diskriminiert werden. Wir haben den Ratsuchenden an die Beratungsstelle für Diskriminierung adis.e.V.[1] verwiesen. In solchen Fällen entsteht das Problem, wie die Diskriminierung bewiesen werden kann. 

 

"Wir alle – als Betroffene, als Gesellschaft oder als Staat –  sollten zusammen an der Integration arbeiten. Integration kann nur gelingen, wenn sich alle gegenseitig verstehen, tolerieren und respektieren"


Was könnte die Situation verbessern?

Geflüchtete bräuchten ein größeres Gefühl von Stabilität. Viele sind unsicher, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Für viele ist das schrecklich. Ich wünsche mir, dass man Geflüchteten eine Chance gibt, auf sie vertraut und ihnen Sicherheit gibt, dass sie hier arbeiten können. Der Rechtsextremismus und der Alltagsrassismus sind ebenfalls ein Problem. Manchmal bekomme ich Angst, denn auch wenn man als Geflüchteter Erfolg hat, man wird immer als fremd behandelt. Überall wird über das Thema Flüchtlinge, über Ausländer gesprochen – ob in der S-Bahn oder der Disco. Die Situation in Stuttgart ist viel besser als in anderen Städten oder Bundesländern. Trotzdem haben wir Angst, dass sich der Wind drehen kann.

Als Beobachter und als Betroffener sehe ich: Seit 2015 werden die Gesetze jedes Jahr ein bisschen verschärft. Die Gesetze bringen Schwierigkeiten. Zum Beispiel werden Geflüchtete, wenn sie anerkannt werden und Sozialleistungen beziehen, einem Ort zugewiesen und dürfen diesen nicht verlassen. Wenn sie eine Wohnung suchen, dann sollen sie nur in diesem Kreis suchen. Wenn sie keine Wohnung finden und woanders suchen wollen, dann müssen sie dort eine Arbeit finden, bevor sie umziehen können – das kann eine Ewigkeit dauern und macht das Leben schwer. Für viele Geflüchteten stellt der Familiennachzug eine Schwierigkeit dar. Geflüchtete, die subsidiären Schutz haben, müssen oft länger als ein Jahr warten, um ihre Familie nachzuholen. Manche Geflüchtete haben überhaupt keine Chance, ihre Familie nachzuholen. Ich weiß nicht, ob Sie es sich vorstellen können, wie es ist, nach Jahren des Krieges alleine hier zu leben ohne die eigenen Kinder, die Ehepartnerin oder Eltern. Diese Menschen sollten gleichbehandelt werden, sie sollten einfach mit ihrer Familie hier leben können. 

Wir alle wollen, dass Integration gelingt. Ich wünsche mir, dass die Menschen, die keine Erfahrungen mit Geflüchteten haben, mit ihnen sprechen. Die politischen Entscheidungsträger sollten mit den Geflüchteten über ihre Entscheidungen sprechen und sich ihre Meinung anhören. Ich finde es positiv, dass sich die Kommunen und Rathäuser in Baden-Württemberg um eine gelungene Integration bemühen. Der Staat fördert viele Projekte, zum Beispiel wird ein Teil der mira-Beratungsstelle vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)  gefördert. Dabei ist mira ist ein Gemeinschaftsprojekt der Träger VIJ e.V. (Verein für Internationale Jugendarbeit e.V. in Stuttgart) mit Kath. Betriebsseelsorge einerseits und adis e.V. mit IQ-Netzwerk (BMAS gefördert) andererseits.

 

"Ich wollte eine Brücke zwischen den Bewohner*innen und den Menschen vor Ort sein. Denn ich habe gemerkt, dass es auf beiden Seiten Angst gibt."


Wie haben Sie es geschafft, Ihren Weg in die Arbeitswelt zu finden? 

Als ich gerade hier im Oktober 2015 angekommen war, war ich psychisch noch sehr instabil. Ich komme aus Rakka in Syrien, früher war das die Hauptstadt des IS. Ich wollte auf keiner Seite kämpfen. Ich wollte einfach ein Leben in Frieden. Deshalb habe ich meine Familie verlassen und mein Studium abgebrochen. Ich habe Jahre darauf gewartet, dass der Krieg beendet wird, aber er dauert bis heute noch an. Unsere Stadt wurde bombardiert von russischen und amerikanischen Flugzeugen, von der Koalition gegen den IS und von Assad und seinem Regime. Ich habe erlebt, wie schwer ein Leben unter Bombardierung ist. Zwei Mal wurde ich von unterschiedlichen Gruppen verhaftet. Zu gehen war nicht einfach für mich, aber es war die einzige Möglichkeit. Weil Rakka weiterhin bombardiert wurde, konnte ich meine Familie kaum kontaktieren und wusste nicht, ob sie noch am Leben war oder nicht. 

Ich wurde in einer kleinen Stadt bei Stuttgart untergebracht. Ungefähr 50 Männer wohnten in einer Tennishalle. Ich war der Einzige, der Englisch konnte und habe mich für meine Mitbewohner verantwortlich gefühlt. Ich wollte eine Brücke zwischen den Bewohnern und den Menschen vor Ort sein. Denn ich habe gemerkt, dass es auf beiden Seiten Angst gibt. Die Neuangekommen hören, es gibt Neo-Nazis und können einen normalen Menschen nicht von einem Neo-Nazi unterscheiden. Die Einheimischen in dieser kleinen Stadt hatten auch Angst vor den 50 Männern, die aus Syrien ankamen. Sie hatten Vorurteile. Ich habe Aktivitäten mit den Ehrenamtlichen organisiert. Als uns der Oberbürgermeister und die Integrationsstabstellenleiter besuchten, war ich Sprecher für die Bewohner. Im März 2016 wurde mir angeboten, dass ich einen Bundesfreiwilligendienst in dieser Stadt leiste. Während meiner ehrenamtlichen Tätigkeit habe ich angefangen Deutsch zu lernen und konnte mich schnell auf Deutsch verständigen. Meine Chefin und die Ehrenamtlichen haben mich ermutigt. Für das Lernen der Sprache hat mir auch geholfen, dass meine Familie nachgekommen ist. Mich hat entlastet, dass meine Familie in Sicherheit war. Während der vielen Behördengänge, die ich für meine Familie erledigen musste, habe ich gelernt, wie die Verwaltung funktioniert, und ich habe die Strukturen der Flüchtlingsarbeit kennengelernt. 

Nach meinem Bundesfreiwilligendienst habe ich mich bezüglich der Anerkennung meiner Zeugnisse beraten lassen. Mir wurde gesagt: „Fang etwas Neues an. Jura ist schwierig, weil das Rechtssystem hier ein anderes ist.“ Ich wollte aber gerne in der rechtlichen Beratung arbeiten und habe recherchiert. Ich habe herausgefunden, dass ich mit meiner Qualifizierung als Berater oder bei Unternehmen arbeiten darf, jedoch nicht als Rechtsanwalt. Einmal war ich bei einer Beratungsstelle und habe erzählt, dass ich eine Stelle in der Flüchtlingsarbeit suche. Nach einem Jahr hat mich eine Beraterin angerufen, die das notiert hatte: „Hey Tarek, schau mal diese Stellenausschreibung. Die Stelle entspricht dir.“ Ich habe mich für die Stelle bei mira beworben und glücklicherweise eine Zusage erhalten. Vor Antritt der Stelle habe ich meinen Sprachkurs zu Ende gemacht, weil mir wichtig war, dass ich mit guten Sprachkenntnissen anfange. Meine Sprachkenntnisse sind noch nicht perfekt, aber ich arbeite daran – learning by doing.  
 

„Arbeite immer daran, deine Säge zu schleifen – durch eine Ausbildung oder ein Studium.“


Was würden Sie einer jungen Geflüchteten raten, die sich unsicher ist, ob sie besser schnell Geld verdienen oder eine Ausbildung machen soll? 

Ich gebe den jungen Geflüchteten immer ein Beispiel: Stellt euch vor, zwei Schreiner haben zwei Sägen. Einer der beiden benutzt einen Schleifstein, um die Säge zu schärfen, der andere sagt: „Ich brauche den Schleifstein nicht“. Der Schreiner, der seine Säge schleift, wird natürlich besser sägen können. Der andere wird auf Dauer Schwierigkeiten haben, sein Holz zu sägen. Ich sage: „Arbeite immer daran, deine Säge zu schleifen – durch eine Ausbildung oder ein Studium.“ Mit einer Ausbildung verdient man besser, denn Deutschland braucht Fachkräfte. Manche Geflüchtete wollen schnell eine Arbeit aufnehmen, weil ihre Familien auf das Geld angewiesen sind oder weil sie ungeduldig sind. Den jungen Geflüchteten sage ich, dass es sich lohnt, Zeit in die Ausbildung oder ein Studium zu investieren. Ich ermutige sie, sich zu trauen, ein Ziel vor Augen zu haben und hart daran zu arbeiten. Ich kenne viele Geflüchtete, die mit ihrer Ausbildung fertig sind und die ihre Position im Betrieb verbessern konnten. Ich bin der Meinung, dass es viele schaffen können, aber wegen der Sprache brauchen sie etwas mehr Zeit. Ich bin optimistisch.



Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Redaktionelle Bearbeitung: Samia Dinkelaker

 

 


[1] Als Träger der professionellen Antidiskriminierungsarbeit in der Region Reutlingen/Tübingen und Fachstelle zum Thema Diskriminierung in Baden-Württemberg leistet adis e.V. u.a. Einzelfallberatung.