„Die Frauen* bringen unheimlich viel mit“

Aicha El Saleh und Aida Begović über ihre Empowerment-Arbeit mit geflüchteten Frauen* in Hamburg

Das Mut-Projekt Hamburg lief zwischen 2016 und Ende 2018. Erklärtes Projektziel war es, Migrantinnen* Mut zu machen, als Brückenbauerinnen* zu agieren und geflüchtete Frauen* zu empowern. MUT ist ein Projekt des Dachverbands der Migrantinnenorganisationen DaMigra e.V. Im November 2018 sprachen Aida Begović und Aicha El Saleh über ihre Erfahrungen mit der Empowerment-Arbeit in Hamburg, wo sich eine Gruppe geflüchteter Frauen* formierte, die sich regelmäßig in den Projekträumlichkeiten – dem MUT-Café – getroffen hat.
 

Aicha,wie bist du zur Mitarbeit im MUT-Projekt gekommen?

Aicha: Ich bin durch meine Arbeit als Dolmetscherin und Aktivistin gegen Strukturen wie die in den Erstaufnahmeeinrichtungen für Geflüchtete zu dem Projekt gekommen. Für mich war es beim Dolmetschen immer sehr wichtig, geschlechterspezifisch zu arbeiten. Ich habe bei einer Veranstaltung in einer Unterkunft in Hamburg gedolmetscht, die die Brückenbauerinnen* [1] und Mitarbeiterinnen* des MUT-Projekts veranstaltet haben. In dem Rahmen haben wir den Zugang zu den Frauen* in der Unterkunft erhalten. Die Frauen*, die wir damals kennengelernt haben, arbeiten jetzt ehrenamtlich bei uns. Eine der Frauen* hat zum Beispiel ein Nähprojekt mit angestoßen. Ich war bei den Aktivitäten mit dabei, auch dann, wenn ich nicht als Dolmetscherin engagiert war. Irgendwann hieß es dann: „Wir suchen noch eine Mitarbeiterin." Ich habe mich beworben und habe die Stelle bekommen. Bevor ich mich beworben habe, war es mir sehr unangenehm. Ich wusste nicht, ob ich mich bewerben sollte, weil die Stellenausschreibung sehr anspruchsvoll war. Ich habe kein abgeschlossenes Studium und dachte: „Das wird doch nichts. Die haben Richtlinien, an die sie sich halten müssen." Als ich die Stelle bekommen habe, habe ich mir gesagt:  „Es ist möglich, die eigenen Fähigkeiten einzusetzen, auch ohne Qualifikationen, die von der Bürokratie abgesegnet sind“. Ich gebe das immer wieder gerne an die Frauen* weiter: „Glaubt daran, es ist möglich!“ 

 

Könnt ihr Beispiele für Veranstaltungen und Aktivitäten des MUT-Projekts nennen?

Aida: Meine Lieblingsveranstaltung in diesem Jahr war eine Diskussionsrunde zu islamischen Feminismen mit der Autorin Lana Sirri. Sie hat eines der ersten Bücher zu dem Thema im deutschsprachigen Raum geschrieben. Gemeinsam mit dem Zentrum GenderWissen der Universität Hamburg haben wir die Autorin eingeladen. Im Anschluss an ihren Vortrag hat sie quasi zu einem Kolloquium of Color eingeladen. Sie hat gezielt die muslimischen Frauen* angesprochen, obwohl das Publikum gemischt war. Das hat einen Perspektivwechsel im Raum verursacht. Es war ungewohnt, dass muslimische Frauen* gezielt angesprochen werden und sie diejenigen im Raum sind, die vorwiegend sprechen. Die Diskussion hatte eine empowernde Wirkung: Es war neu, dass muslimische Frauen* im Publikum selbst als Expertinnen* angesprochen werden. 

Wir organisieren auch Qualifizierungsreihen, etwa für Sprachmittlerinnen*. Die Sprachmittlerinnen* werden oft sehr schlecht bezahlt und aus meiner Sicht auch ausgebeutet. Vor dem Hintergrund haben wir eine Qualifizierungsreihe organisiert, bei der die Pfeiler des Dolmetschens behandelt wurden. Am Ende wurden Bescheinigungen ausgestellt, die die Frauen* vorweisen können. Solche formalen Qualifikationen sind wichtig, weil Sprachmittlerinnen* im Gegensatz zu zertifizierten Dolmetscherinnen* weniger geschätzt werden und ihnen weniger Qualifikationen zugesprochen werden – obwohl sie sehr viel leisten. Außerdem sind unter den Frauen* Fahrradkurse unglaublich gefragt, und wir organisieren Einzelveranstaltungen, zum Beispiel zum Thema berufliche Selbstständigkeit oder gemeinsam mit der Universität Hamburg zu den Themen Abschlussanerkennung und „Was bedeutet mein Status als Studentin*?".

 

"Ohne die Frauen* funktioniert es nicht."
 

Wie kommst du auf diese Ideen? Wie entwickelt ihr eure Projekte?

Aida: Die Ideen und Konzepte zu den Aktivitäten kommen manchmal vom Dachverband DaMigra, aber das ist die Ausnahme. Manchmal treffen wir auf potenzielle Kooperationspartner*innen und entwickeln zusammen eine Idee. Oder die Mitgliederorganisationen von DaMigra, also Migrantinnen*selbstorganisationen, geben Impulse. Und genauso ist es mit den Teilnehmerinnen* oder den ehrenamtlichen Brückenbauerinnen*. Die Stärke des MUT-Cafés ist, Raum zu geben. Deshalb sagen die Frauen*: „Wir arbeiten bei MUT“. Ohne die Frauen* funktioniert es nicht. Es ist nicht so, als würden wir Projektmitarbeiterinnen* die Aktivitäten entwickeln und durchführen, während die Frauen* die Teilnehmer*innen sind. Die Frauen* sind Teil des Teams, sie entwickeln Ideen und Konzepte und führen diese auch durch. Wenn sie einen Impuls einbringen oder wir zusammen etwas finden, dann setzten wir uns gemeinsam hin und überlegen, wo und wie man die Idee umsetzen kann: Braucht man zum Beispiel Kinderbetreuung? Für wie viele Sprachen werden Übersetzungen gebraucht?

 

"Wie soll ein Mensch leben, wenn er von seiner Familie getrennt ist und die ganze Zeit Todesängste ausstehen muss, wenn er keine Perspektive hat?"


Was sind die drängendsten Probleme für geflüchtete Frauen* in Hamburg? Wo würdet ihr ansetzen?

Aida: Wenn man fragt, wo es am meisten brennt, dann sind das existentielle Dinge, die institutionell geregelt sind – oder eben nicht geregelt sind. Das ist auch für uns die größte Herausforderung und das was Frustration verursacht.  Ein Beispiel ist der Aufhaltstatus, denn an ihn ist sehr vieles gebunden. Auch das Thema Familienzusammenführung ist ein unendlicher Stressfaktor. Wie soll ein Mensch leben, wenn er von seiner Familie getrennt ist und die ganze Zeit Todesängste ausstehen muss, wenn er keine Perspektive hat? Außerdem das Thema Arbeit. Um einer Tätigkeit nachgehen zu können und um sich finanzieren zu können, muss man überhaupt erst eine Arbeitserlaubnis haben. Dann stellt sich die Frage, ob Abschlüsse anerkannt werden oder ob man eine Möglichkeit hat, eine Ausbildung zu machen. Wenn all das gegeben ist: Wer stellt mich überhaupt ein? Schließlich das Thema Wohnraum. Viele der Frauen* leben schon lange in Camps. Es ist jedem klar, dass dort untragbare Zustände herrschen. All diese Probleme bestehen schon sehr lange. Für unsere Teilnehmerinnen* ist das total zermürbend. Wir können versuchen, Wege aufzuzeigen oder uns mit anderen zusammenzuschließen. Zum Beispiel mit der Initiative „Wohnbrücke“, die Wohnungen an Menschen mit Fluchtgeschichte vermittelt, oder mit der Universität Hamburg. Wir können eine individuelle Beratung organisieren und dabei unterstützen, dass zum Beispiel eine Wohnung gefunden wird oder ein Abschluss anerkannt wird. Aber ob das wirklich alles klappt, liegt nicht in unserer Hand. Manchmal kümmern wir uns um kleinere Dinge wie einen PC-Kurs. Allerdings sind manche der Frauen* gefangen in diesen existentiellen Nöten und Bedürfnissen: "Warum soll ich mich jetzt mit so einem PC befassen, wenn ich noch nicht weiß, ob ich nächsten Monat überhaupt noch in Deutschland sein darf?". Ihnen fehlt die Lebensgrundlage.

AichaIch denke, dass gerade wir Feministinnen* antirassistische Arbeit machen müssen. Es gibt einige Feministinnen*, die mit der AfD sympathisieren. Das passt aber doch nicht zusammen. Gegen die rassistische Vereinnahmung von Frauen*rechten müssen wir uns als Team und als Gemeinschaft stärken. Mir ist wichtig, dass auch die arabischen Frauen* wissen, dass es nicht verboten ist, Feministin* zu sein. Gerade im Islam gibt es ganz viele Feministinnen*. Die Frau vom Propheten – Khadija – war Feministin. Sie war selbständige Geschäftsfrau. Sie hat gearbeitet und ihr eigenes Geld verdient. Man muss das wissen und immer wieder zu Auge führen: „Auch wir arabischen Frauen* können mit unserem Kopftuch und auch mit unseren Werten, und mit Mann und Kind, feministisch sein. Ich bin ich eine starke, selbstbewusste, selbstsichere Frau, die ihre Rechte kennt. Gegenüber ihrem Mann, ihrer Gesellschaft, den Behörden oder sonst wem." Als Feministin* muss man nicht gegen Männer sein und kann sagen: „Ich bin Feministin*, es geht um mich. Ich weiß, was meine Rechte sind.“ Feminismus ist etwas Offenes, nichts, was einmal festgeschrieben wurde. Es gibt einen großen Bereich im Feminismus, den ich selbst noch kennenlernen möchte.

 

Gestaltet mit den Frauen*! Denn die Frauen* bringen unheimlich viel mit.


Wenn ihr etwas verändern könntet, was würdet ihr verändern? 

Aida: Eine dramatische Frage. Wenn ich etwas verändern könnte, dann wäre das der Rassismus auf der institutionellen, strukturellen Ebene. Klar würde ich gerne etwas bei den Arbeitgebern ändern und den rassistischen Bedingungen am Arbeitsplatz. Aber Fakt ist: Das Problem ist institutionell und strukturell. Ich hätte gerne Gleichstellung. Was Menschen auf Arbeitssuche betrifft, was Frauen* betrifft, betrifft geflüchtete Menschen in gleichem Maße. Geflüchtete Menschen brauchen deshalb auch die gleiche Unterstützung und nicht noch mehr Hürden, die zwischen ihnen und den Zugängen zu Unterstützung liegen. Geflüchtete Menschen sind von Problemen betroffen, die alle deutschen Staatsbürger auch haben. Aber zusätzlich kommen noch unzähligeweitere Ebenen von Problemen dazu.

Aicha: Man sollte noch mehr mit den Frauen* zusammenarbeiten. Viele Projekte sagen immer: „Wir haben hier ein Angebot und brauchen Teilnehmerinnen*.“ Gestaltet mit den Frauen*! Denn die Frauen* bringen unheimlich viel mit. 
 

Woher nimmst du Energie und Mut für die Arbeit, Aida? 

Aida: Ich weiß nicht, ob man das Energie oder Mut nennen kann. Das klingt vielleicht ein bisschen pessimistisch, aber es hängt auch mit meiner privaten Biografie zusammen. Ich bin selbst als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Für mich ist dieser Status Gott sei Dank vorbei. Man verbleibt nicht ewig in diesem Status. Aber das Wissen aus einer solchen Biographie verliert man einfach nicht. Auch wenn man 20 Jahre in Deutschland lebt, bekommt man die Folgen immer noch zu spüren. Aus meiner Sicht habe ich keine Wahlfreiheit, mich mit den Themen meiner Arbeit zu beschäftigten: Ich kann mich nicht nicht mit ihnen beschäftigen oder mein Wissen abschalten. Ich kann nicht heute mal nicht darüber nachdenken oder dieses Wissen nicht haben, wie die Situation für so viele Menschen ist. Der Mut kommt quasi daraus, dass ich weiß, das wir immer weitermachen müssen. Denn es geht um existentielle Dinge. 

 

Und was für eine Bedeutung hat diese Arbeit für dich, Aicha?

Aicha: Sehr viel. Es ist für mich nicht nur irgendeine Arbeit, denn ich kenne die Themen der Arbeit aus meiner eigenen Migrationsgeschichte und der von anderen. Wenn wir Frauen* oder Menschen allgemein keine Rolle in unserer Gesellschaft, in der wir leben, haben, ist es einfach schwierig, anzukommen. Man braucht einen Zugang. Ich sehe, dass durch den Zugang, den das MUT-Projekt schafft, und durch den Kontakt zu anderen Menschen und Netzwerkpartnern vieles entstehen kann. Ich finde es toll, dass die Frauen* die Möglichkeit haben, sich in anderen Rollen auszuprobieren. Ausprobieren heißt ja immer: „Ich gucke.“ Es ist nichts Festes. Keiner verurteilt die Frauen*. Es ist wichtig, dass man ihnen und mir und uns allen die Möglichkeit gibt, Fehler zu machen.
 

Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Redaktionelle Bearbeitung: Marie Hoffmann und Samia Dinkelaker

 

 

 


[1] Die Schreibweise mit dem * zur Bezeichnung aller Personen, die sich mit der mit Bezeichnung „Frau“ definieren oder definiert werden bzw. sich mit dieser Bezeichnung sichtbar gemacht sehen, wurde als selbstgewählte Schreibweise des MUT-Projekts übernommen.