Ankommen im Industriegebiet?

Über die Arbeit mit Geflüchteten in der Erstaufnahmeeinrichtung in Kassel-Calden und die Unmöglichkeit, von dort aus sozialen Anschluss zu finden.

 

Bertram Kögel ist 31 und arbeitete im Sozialteam in der Flüchtlingserstaufnahmeeinrichtung auf dem alten Flugplatz in Calden, einem kleinen Ort nahe dem nordhessischen Kassel. Neben persönlichen Geschichten erzählt er auch von der Abgeschiedenheit der Einrichtung, der mangelnden Privatsphäre der Bewohner*innen und seinen Freizeitaktivitäten mit den Jugendlichen vor Ort.

 

Wie bist du zu deinem Job als Sozialarbeiter in einer Ernstaufnahmeeinrichtung gekommen und was hat dich daran gereizt? 

Von der Aufbruchsstimmung 2015/16 habe ich sehr viel aus der Zeitung mitbekommen: diese beeindruckenden Szenen am Münchener Hauptbahnhof, wie Menschen Geflüchtete begrüßt und ihnen geholfen haben. Das war bewegend und hat mich mitgerissen. Gerade die Einrichtung in Calden war hier in der Gegend um Kassel sehr präsent, weil dort sehr viele Menschen untergebracht waren. Die Hilfe für Geflüchtete war Gesprächsthema Nummer Eins. Ich persönlich war in der Flüchtlingshilfe nie ehrenamtlich aktiv, aber an der ‚Problematik‘ schon immer interessiert. Ich bin über einen Zufall zur Arbeit in Calden gekommen. Am Ende meines Studiums habe ich einer Bekannten erzählt, dass ich gerade nach einer Stelle suche. Ihr Bruder arbeitete als Teamleiter in der Einrichtung in Calden und sie sagte mir, dass dort Leute gesucht werden. Ich habe mich beworben und angefangen, in der Verwaltung zu arbeiten. Nach drei Monaten bin ich in das Sozialteam gewechselt. Die Arbeit im Sozialteam machte mir Spaß. Besonders faszinierend fand ich die Internationalität: Man hat mit Menschen aus mindestens 20 bis 25 verschiedenen Nationen zu tun. Ich denke immer noch, dass ich in Calden vieles gelernt habe und die eigene Perspektive reflektiert habe, weil man tagtäglich mit ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten in Kontakt kam. Die Konfrontation mit den elementaren Problemen der Bewohner*innen in Calden haben mich dazu bewegt, meine eigene privilegierte Position zu reflektieren. Ich bin durch die Arbeit kein komplett anderer Mensch geworden, aber ich in gewissen Bereichen haben sich meine Einstellungen und mein Verhalten verändert. 

 

Wie sah deine Arbeit denn genau aus?

Ich war hauptsächlich für das Sportangebot zuständig. Einmal bin ich zum Beispiel mit den Bewohner*innen ins Freibad vor Ort gegangen. Das hat ihnen super viel Spaß gemacht. Die Freizeitangebote waren offen für alle. Die Menschen, die das Angeboten genutzt haben, waren aber meistens dieselben Verdächtigen: viele Kinder und Jugendliche, teilweise auch Erwachsene. Manche Menschen sind nie aufgeschlagen, die hatten kein Interesse.
 

"Alles war unübersichtlich. Es war ein seltsamer Ort."


Was war dein erster Eindruck von der Einrichtung in Calden? 

Man muss sich vorstellen, Calden ist ein sehr, sehr kleiner Ort etwa 15 km außerhalb von Kassel. Die Einrichtung befindet sich auf einem ehemaligen Flughafengelände. Das liegt etwa zwei bis drei Kilometer außerhalb dieses kleinen Orts – 20 oder 25 Minuten zu Fuß. Als ich zum ersten Mal nach Calden kam, bin im Ort umhergegangen und stand irgendwann auf einem Bauernhof, völlig desorientiert. Das stand vielleicht auch für den Ort selbst. Als ich irgendwann in der Einrichtung ankam, war ich erstmal irritiert. Alles war unübersichtlich. Es war ein seltsamer Ort. Man hat sich gefühlt wie auf einem Industriegelände – das ist es ja auch tatsächlich. Es gab dort zum Beispiel einen Hubschrauberhersteller. Manchmal wurden direkt neben dem Flüchtlingsheim Testflüge gemacht. Das war unglaublich laut und einfach grotesk. Im Umfeld waren nur Acker und Wiese und eben diese Industriebetriebe. Die nächsten Nachbarn lebten zwei Kilometer entfernt am Ortsrand.

 

Wie muss man sich das Gelände vorstellen?

Das Gelände ist relativ groß. Es ist ja auch ausgelegt für sehr, sehr viele Menschen. Die Kapazitäten wurden immer wieder angepasst. Soweit ich weiß, wohnten in den Höchstphasen 1.700 Menschen in der Einrichtung. Das war vor meiner Zeit, aber ich habe sehr viele Geschichten darüber gehört. Alles war provisorisch zusammengestückelt: Überall waren Menschen und mitten in den Gebäuden waren Zelte aufgebaut. Vor allem am Anfang gab es größtenteils noch keine Infrastruktur. Nur eine Halle von einem Fallschirmfliegerverein hatte dort gestanden, die später als Speiseraum genutzt wurde. Alles andere wurde später aufgebaut. Die meisten erinnern sich ja wahrscheinlich daran, wie chaotisch es am Anfang in 2015 war. Von heute auf morgen hieß es: „Zehntausende Menschen sind auf dem Weg nach Deutschland, die wir unterbringen müssen.“ So habe ich das Camp nicht kennengelernt. Als ich angefangen habe in Calden zu arbeiten, war alles sehr viel strukturierter. 
 

"Die Situation sorgte für Dauerkonfliktpotenzial." 


Wie sah denn die Unterbringung der Geflüchteten aus?

Die war eigentlich so wie in den meisten anderen Flüchtlingsunterkünften auch. Die Zimmer waren unterschiedlich groß, von Vierbett-Zimmern bis hin zu Acht- oder Zehnbett-Sälen. Soweit es ging, haben wir darauf geachtet, dass nicht zu viele Leute in einem Zimmer sind und es relativ entspannt ist. Es gab auf den Zimmern keinen Fernseher und keinen Internetanschluss. All das war blöd für die Bewohner*innen, aber daran konnten wir nichts ändern. Die Situation sorgte für Dauerkonfliktpotenzial. Die Bewohner*innen mussten sich immer Prepaidkarten kaufen und hatten nur eingeschränkten Internetzugang, um Kontakt zu ihren Familien zu halten.  In den Häusern gab es Gemeinschaftsbäder auf dem Flur. Die Bäder waren überhaupt nicht abschließbar. Die Zimmer konnte man abschließen, aber theoretisch konnten alle Hauptamtlichen, also auch die Securities, einfach reingehen. Das wurde aus meiner Sicht nicht streng genug gehandhabt. 

 

Wie würdest du eure Zusammenarbeit mit den Ämtern beschreiben?

Tagtäglich hatten wir Kontakt mit der Landesbehörde, die für die Unterbringung von Geflüchteten zuständig ist. Auf dem Gelände gab es eine Außenstelle der Landesbehörde. Termine für die Asylverfahren wurden dort vereinbart und Interviews für das Asylverfahren vorbesprochen. Mit der Behörde vor Ort gab es insgesamt keine großen Kommunikationsprobleme. Die üblichen Konflikte kamen vor: politische Differenzen. Das ist ja ein offenes Geheimnis und wird an anderen Standorten auch so sein. In Hessen wurde zum Beispiel sehr stark auf diese ‚freiwillige Rückkehrberatung‘ gesetzt. Das bedeutet, dass Bewohner*innen gegen Geld vom deutschen Staat wieder „freiwillig“ in ihre Herkunftsländer zurückgehen und in Deutschland kein Asyl beantragen. In Hessen war das eine Strategie, um die Flüchtlingszahlen zu reduzieren. Wir alle fanden das nicht gut, aber von der Behörde wurde viel Druck gemacht, dass wir die freiwillige Rückkehrberatung noch offensiver bewerben sollen. Einige Mitarbeiter*innen in den Behörden vor Ort fanden das ebenfalls nicht gut, aber es gab eine politische Vorgabe des Ministeriums.
 

"Die Bewohner*innen hatten nicht viel zu tun. Das aufregendste im Ort war, dass es einen Supermarkt gab."


Welche Form von Konflikten gab es beim Zusammenleben? 

Alltägliche Konflikte gab es zum Beispiel, wenn Menschen in einem Zimmer waren, die sich nicht miteinander verstanden haben. Im Grunde war das vorprogrammiert. Teilweise wohnten Menschen mit unterschiedlichen Nationalitäten, die nicht die gleiche Sprache gesprochen haben, in einem Zimmer. Wir haben versucht, die Belegung irgendwie so zu ordnen, dass es mehr oder weniger passt. Im Einzelfall war es aber nicht immer möglich. Bei manchen Fällen hatte ich das Gefühl, Konflikte werde aus Langeweile geführt. Die Bewohner*innen hatten nicht viel zu tun. Das aufregendste im Ort war, dass es einen Supermarkt gab, wo die Bewohner*innen Getränke oder Brötchen kaufen konnten, um einmal etwas Leckereres zu essen als dieses Mensa-Essen. Sonst gab es nichts. 

 

Was hätte man verändern können, um die Situation in Calden zu verbessern?

Wenn ich eine Wunschliste hätte, dann könnte ich natürlich vieles verbessern. Ich finde insgesamt die Unterbringung außerhalb eines Ortes sehr fragwürdig. Gerade, weil die Geflüchteten eine urbane Infrastruktur brauchen. In Kassel gab es zum Beispiel Initiativen, die Menschen unterstützt haben: ein Flüchtlingscafé oder Beratungsstellen. Auf jeden Fall würde ich für eine stadtnähere Unterbringung sorgen. Man könnte Erstaufnahmeeinrichtungen so einrichten, dass sie eine gute Verbindung zur nächstgrößeren Stadt haben, wo es eine Infrastruktur gibt, die sie unterstützen können und wo es Menschen gibt, die Geflüchteten tendenziell eher freundlich gesonnen sind. Außerdem würde ich die Einrichtungen selbst anders gestalten. Kleinere Zimmer wären gut. In Calden sorgte die Toilettensituation immer wieder für Probleme. Die Menschen leben da ja immerhin ein paar Monate, und wenn man dann nur öffentliche Toiletten hat, ist das ein Problem. Es gibt zu wenig Privatsphäre. Im Detail könnte man noch einiges weiteres ändern, aber in der Hauptsache würde ich diese Dinge kritisieren. 

 

Welche Dinge an deiner Arbeit haben dich am meisten beeindruckt?

Vielleicht eine sehr berührende Szene, die mir gerade einfällt: In einer der letzten Wochen während ich in Calden gearbeitet habe, hatte eine Familie ihren Transfer. Das Sozialteam hatte mit dieser Familie sehr viel zusammengearbeitet. Der Papa war ein Quatschkopf und hat immer Späßchen gemacht. Sein Sohn war auch sehr oft bei uns. Dann sind sie in eine Zweitunterkunft gekommen. Wir haben uns mit mehreren Kollegen des Sozialteams von ihnen verabschiedet. Wir sind in ihr Zimmer gekommen und die gesamte Familie saß in einer Reihe und hat sich von uns verabschiedet. Die Familie hatte Tee für uns gemacht, den wir zusammen getrunken haben. Als wir gegangen sind, wussten wir, sie gehen am nächsten Tag weg - eine Ära geht zu Ende. Uns wurde bewusst, dass Calden eine Durchgangsstation war. Aber es war auch ein gutes Gefühl zu sehen, dass sie gut aufgehoben sind. Dass sie sich trotz allem wohlgefühlt haben und jetzt einen neuen Lebensabschnitt beginnen, zu dem wir sie begleitet haben. 
 

"Ich hatte oft das Gefühl, ich kämpfe mit Windmühlen und kann nur millimeterweise Dinge in eine positive Richtung bewegen."


Was möchtest du zum Abschluss noch sagen?

Es war schwierig, mit den Widersprüchen bei der Arbeit umzugehen. Ich hatte oft das Gefühl, ich kämpfe mit Windmühlen und kann nur millimeterweise Dinge in eine positive Richtung bewegen. Ich bin sehr daran interessiert gewesen, immer auf Dinge wie die Privatsphäre zu achten und es den Bewohnern so angenehm wie möglich zu machen unter diesen widrigen Umständen. Viele politische Vorgaben liefen dem entgegen und sprachen gegen unsere Auffassung im Team. Ich finde, das Asylrecht ist eine zentrale Errungenschaft unserer Demokratie. Gerade in Anbetracht der Dinge, die momentan politisch passieren, müssen alle Demokrat*innen wachsam sein, dass sie diese Errungenschaften verteidigen – also die Errungenschaften, die es überhaupt noch gibt. Das Asylrecht wurde ja schon eingeschränkt und das, was es davon noch übrig ist, das muss man auf jeden Fall verteidigen. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass die Demokratie in ihrer Gesamtheitmit der Verteidigung des Asylrechts steht und fällt. Das Recht auf Asyl sollte zentraler Baustein jeder Demokratie und eines jedes Rechtsstaats sein.Deshalb war die Arbeit in Calden trotz der schwierigen Umstände politisch interessant für mich. Sie war menschlich sehr bereichernd. 

 

 

Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Redaktionelle Bearbeitung: Marie Hoffmann und Samia Dinkelaker