Gegen Rassismus und für bezahlbaren Wohnraum

Das Projekt „Neue Nachbarn Tübingen“

 

Gunnar Laufer-Stark  ist Mitinitiator der Initiative „Neue Nachbarn Tübingen“, die mit Hilfe einer Bürger-Wohnbau-Gesellschaft bezahlbaren Wohnraum für geflüchtete und schon länger in Tübingen lebende Menschen schafft. Dabei konnten sich Tübinger Bürger*innen mit dem Kauf eines „virtuellen Quadratmeters“ an der Finanzierung des Wohnhauses beteiligen. Heike Gerlach wohnt in einer WG in diesem Projekt.


"Unsere Idee war: Wir bauen ein Haus, das ganz vielen Leuten gehört."
 

Was war die Anfangsidee des Projekts Neue Nachbarn?

Gunnar: Es hat damit angefangen, dass 2015/16 sehr viele Leute nach Deutschland und Tübingen kamen. Die Stadtverwaltung in unserer Gemeinde hat beschlossen, dass sie nicht nur Behelfsbauten aufstellen, sondern, dass sie langfristig guten Wohnraum für die Geflüchteten schaffen wollen. Der Stadt wurde bewusst, dass sie es mit ihrer städtischen Wohnbaugesellschaft nicht schaffen würde, diese Häuser alle selbst zu bauen. Sie musste die Bürgerschaft beteiligen. Zwölf Grundstücke wurden ausgesucht und ausgeschrieben, auf die sich Projekte bewerben konnten mit Ideen, wie sie die geflüchteten Menschen integrieren. Unsere Idee war: Wir bauen ein Haus, das ganz vielen Leuten gehört. Ein Haus, das nicht nur Eigentumswohnungen hat, sondern an dem möglichst viele Menschen aus der Stadt finanziell beteiligt sind und sagen können: „Schau mal, hier gehören mir virtuell ein oder zwei Quadratmeter.“ Wir dachten, dass die beste Integration ist, wenn man nicht am Haus vorbeiläuft und sagt: „Irgendjemand hat ein Haus für Flüchtlinge gebaut“, sondern sagen kann: „Wir haben ein Haus für Geflüchtete gebaut.“ Und dann gab es ein Treffen, bei dem wir geschaut haben, ob wir genügend Menschen in der Stadt zusammenbekommen. Schließlich haben sich über hundert Menschen beteiligt.

 

Und wie bist du dazu gekommen, Heike?

Heike: Ich hatte mich im Juni 2016 mit einer Gruppe auf diese Ausschreibung beworben. Wir wollten auch ein Haus bauen, in das wir dann selbst eingezogen wären. Wir haben aber leider im Gegensatz zu der Gruppe um Gunnar nicht den Zuschlag und kein Grundstück bekommen. Gunnars Gruppe hatte von vornherein geplant, dass hier nicht nur Geflüchtete wohnen sollen, sondern auch Menschen, die schon länger in Tübingen wohnen. Sie haben Leute gesucht, die Lust darauf haben, die zwei Wohnungen, die dafür gedacht waren, zu belegen. Gunnar kannte mich noch von der Ausschreibung und hat sich an mich erinnert. Also habe ich mich mit einer Gruppe auf die Wohnung beworben.
 

"Die Wohnungstür stellt keine starre Grenze dar, man wird sehr viel eingeladen."


Wie sieht das Zusammenleben im Haus aus?

Heike: Ich wohne hier im Haus in einer der beiden WGs. Wir sind insgesamt fünf Erwachsene und drei Kinder in der WG. Es gibt noch eine zweite WG mit sechs Frauen. Unser Haus besteht aus sieben Wohnungen, hauptsächlich für geflüchtete Familien. Von vornherein habe ich sehr positiv wahrgenommen, dass es im Haus sehr viel Kontakt gibt: sowohl zwischen uns WGs als auch zwischen den WGs und den Familien, als auch unter den Familien selbst. Die Wohnungstür stellt keine starre Grenze dar, man wird sehr viel eingeladen. Es gibt viele gegenseitige Besuche und ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wir bekommen oft Essen vorbeigebracht. Jemand kocht und bringt dann einen Teller Reis mit Hähnchen vorbei oder Nachtisch, zum Beispiel diese süßen kleinen Teilchen, Baklava. Nachts um zehn Uhr klingelt jemand und braucht Geschenkpapier, weil morgen der kleine Bruder Geburtstag hat. Man wird viel gefordert, aber man kriegt auch viel zurück. Leute aus den WGs gehen zusammen mit den Frauen aus den Familien joggen. Ich habe angefangen, den Frauen aus dem Haus Sprachunterricht zu geben. Die Kinder spielen zusammen.  Das ist kein künstlicher Kontakt, der irgendwie hergestellt wurde, sondern er entsteht natürlich – wie eben ein Kontakt unter Nachbarn entsteht. Wir wohnen ja erst ein halbes Jahr hier und ich kenne eigentlich alle, die im Haus wohnen. Es ging sehr schnell.

 

Wie läuft die Zusammenarbeit mit den Behörden, Gunnar?

Gunnar: Wir, also die Gesellschafter, haben ja als Eigentümer dieses Gebäudes kein Mietverhältnis mit den geflüchteten Familien, die hier wohnen. Wir haben ein Mietverhältnis mit den beiden Wohngemeinschaften. Für die anderen zehn Wohnungen haben wir ein Mietverhältnis mit der Stadt. Die Stadt hat mit ihren Leuten kein Mietverhältnis. Die untergebrachten geflüchteten Familien werden „Nutzer“ des Anschlusswohnens genannt. Damit bezeichnet die Stadt die Unterbringung in Wohnungen von Geflüchteten, die nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften leben können und keinen Wohnraum auf dem freien Markt finden können. Das betrifft Geflüchtete, deren Asylverfahren abgeschlossen ist und die eine Aufenthaltserlaubnis haben, weil sie mehr als zwei Jahre in der Gemeinschaftsunterkunft gelebt haben, oder Geflüchtete, die eine Duldung haben.

Nutzer*innen kann man da hinsetzen oder dort hin. Uns hat man gesagt: „Ihr kriegt jeden Monat eure Miete, aber wer hier wohnt, braucht euch eigentlich nichts anzugehen.“ Aus Vermietersicht, also rein finanziell betrachtet, ist das wunderbar. Die Stadt zahlt uns Miete. Wenn die Wohngemeinschaften etwas kaputt machen, müssen wir uns mit ihnen auseinandersetzen. Bei der Stadt gehe ich zum Hausmeister, und dann zahlt die Stadt. Unser Anspruch war aber, dass wir ein gemeinsames Haus für Geflüchtete und Alteingesessene bauen. Das passt nicht so ganz zusammen. Wir würden gerne mitgestalten und mitentscheiden, wer hier wohnt.

Mit der Zuweisung haben wir eine unangenehme Erfahrung gemacht. Die Stadt hat drei Familien dem Haus zugewiesen, obwohl bekannt gewesen war, dass diese Familien sich vorher nicht vertragen hatten. Uns wurde das nicht gesagt. Es wäre gut gewesen, wenn wir und die anderen Mieter*innen das gewusst hätten. Es gab Auseinandersetzungen zwischen den Familien, und die Stadt hat alle wieder in sehr kurzer Zeit und sehr restriktiv rausgesetzt. Wir hätten das gerne anders gelöst, ohne dass die Leute sofort ausziehen. Die Stadt sieht es mittlerweile auch so, dass die Sache nicht gut gelöst war. Die Zuweisungen selbst aber werden von Seiten der Stadt nicht in Frage gestellt. Ich glaube, die Stadt hat Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen – dass eine Gruppe wie wir anfängt mitzudiskutieren oder gar mitzubestimmen, wer wo einzieht, vielleicht sich dann bestimmte Leute wie die Rosinen rauspickt. In der Hinsicht will die Stadt auf keinen Fall das Heft aus der Hand geben.

 

Heike, habt ihr mit den Geflüchteten, die hier wohnen, gemeinsame Strukturen und die gleichen Möglichkeiten, das Wohnumfeld mitzubestimmen?

Heike: Die Geflüchteten können sich nicht aussuchen, wie lange sie hier wohnen bleiben. Die Stadt kann sie umverteilen. Das Leben hier können sie aber schon mitgestalten. Wir haben ein Plenum, bei dem wir als Hausgemeinschaft Dinge besprechen und regeln können. Einmal ging es zum Beispiel um die Kehrwoche. Bei dem Plenum sagte eine Frau zu mir: „Hier ist es sehr schmutzig. Wir brauchen eine Kehrwoche.“ Sie kannte das Wort und das Konzept. Sie hat sich die Einführung der Kehrwoche gewünscht, bevor sie von einer anderen Person vorgeschlagen wurde. Ein anderes Mal ging es um den Außenbereich, ob man da Beete selbst gestalten kann. Eine geflüchtete Frau kam auf mich zu und sagte, sie würde hier gerne Petersilie einsäen. Wir müssen solche Dinge rücksprechen, prinzipiell aber ist eine Mitgestaltung möglich.
 

Das heißt, man weiß auch gar nicht, wie lange die Geflüchteten hier wohnen und ob sie die Petersilie dann überhaupt ernten können, die sie jetzt pflanzen?

Gunnar: Also eigentlich ist schon angedacht, dass die Geflüchteten hier langfristig wohnen. Wer nicht zurück in sein Heimatland will, soll eigentlich hier wohnen bleiben können. Das soll von diesem Anschlusswohnen, wie das offiziell heißt, schon irgendwann übergehen in reguläres Wohnen. Langfristig sollen die Leute tatsächlich mit uns direkt Mietverträge abschließen und nicht mehr als „Nutzer“ städtischer Unterbringung hier wohnen. Wir sind auch nicht ganz macht- oder hilflos, was die Gestaltung der Zukunft betrifft: Bei den 107 Unterstützer*innen der Neuen Nachbarn sind fünf Mitglieder des Tübinger Gemeinderats dabei.


"Die eine Grundidee war: Du kannst bei den Neuen Nachbarn mitmachen, wenn du gegen Rassismus bist. Die andere: Wir sind für bezahlbaren Wohnraum."
 

Hat sich die ursprüngliche Wohnidee durch finale Kompromisse verändert? Hattet ihr das Gefühl, ihr musstet Ideen aufgeben, weil sie nicht umsetzbar waren?

Gunnar: Ich glaube, die Besonderheit an diesem Projekt war, dass wir gar nicht so viele Ideen hatten. Wir sind mit genau zwei Grundideen gestartet, die Leute, die mitmachen wollten, unterschreiben mussten. Die eine war: Du kannst bei den Neuen Nachbarn mitmachen, wenn du gegen Rassismus bist. Die andere: Wir sind für bezahlbaren Wohnraum. Das Grundstück gehört der Stadt, das heißt, wir haben die Verpflichtung übernommen, über die ganze Laufzeit von 60 Jahren hinweg weniger Miete zu verlangen als der Mietspiegel. Dabei haben wir gar nicht primär an die Geflüchteten gedacht, sondern wollten bezahlbaren Wohnraum für alle in der Stadt schaffen, denn daran herrscht ein massiver Mangel. Viel mehr Ideen hatten wir nicht. Wir stellen Wohnraum und einen großen Gemeinschaftsraum zur Verfügung, und dann passiert etwas. Weil wir nicht mit bestimmten Vorstellungen gestartet sind, sind wir nicht enttäuscht über Dinge, die nicht umsetzbar gewesen wären. Wir sind immer wieder überrascht über die Entwicklungen im Projekt.

 

Was würdet ihr anderen Projekten, die Ähnliches wie ihr planen, weiterempfehlen? Wovor würdet ihr warnen?

Heike: Ratschläge zu geben ist schwierig, weil wir als WGs nicht mit einem bestimmten Konzept eingezogen sind. Beim Einzug sind wir unvoreingenommen auf die Menschen zugegangen und haben geschaut, was sich entwickelt. Ich empfinde das als positiv. In Hinblick auf demokratische Strukturen und Beteiligung fällt mir aber immer mehr auf, dass es schwierig ist, eine echte Beteiligung von geflüchteten Menschen oder von Menschen mit einer anderen Sprache zu schaffen. In deutschen Gruppen haben wir so eine ganz eigene Diskussionskultur und eine eigene Art Dinge zu organisieren. Es ist schwierig, die Bewohner*innen zu motivieren, um zu Treffen zu kommen und mitzumachen. Die sprachliche Barriere ist sehr groß. Bei den Treffen alles zu übersetzen kostet viel Mühe. Viele Punkte kommen nicht an, und viele Anliegen bekommt man nicht mit. Wir haben nicht geschafft, wirklich demokratische Strukturen zu schaffen. Eine Lösung dafür habe ich nicht.

 

Habt ihr ein nächstes Nahziel?

Heike: Ich freue mich auf den Sommer, wenn der Garten nutzbar ist und bin gespannt, wie wir ihn nutzen werden. Ich fände es schön, wenn wir ein Sommerfest machen würden. Ich bin gespannt, wie wir Hausbewohner und auch die Bewohner von den anderen Häusern das Leben im Innenhof gestalten werden.

Gunnar: Unsere Hoffnung und unser Hauptziel ist, dass ein bisschen Ruhe reinkommt. Dass die Leute, die hier wohnen, die Wohngemeinschaften und die geflüchteten Menschen, irgendwann das Haus auch als ihr eigenes Haus betrachten und klar ist: „Ich wohne jetzt hier, ich kann mich hier normal benehmen.“ Dass die geflüchteten Menschen das Provisorische ablegen können, unter dem sie jetzt mehrere Jahre gelebt haben. Ich glaube, anzukommen dauert etwa ein Jahr, dann wird auch vieles ruhiger werden.

 

Habt ihr Wünsche an die Politik? Wenn da etwas anders laufen könnte, was würde euch weiterhelfen?

Gunnar: Die Stadt müsste die Häuser insgesamt anders belegen. Wir haben großes Glück mit, dass ein guter Kontakt mit den beiden Wohngemeinschaften besteht. Dieses Verhältnis, dass überwiegend Geflüchtete im Haus wohnen, ist nicht gut. Wenn die Hälfte Alteingesessene wären und die Hälfte Geflüchtete, könnte man sich noch besser gegenseitig unterstützen. Meine Hauptforderung wäre, dass man die Leute Stück für Stück in die Selbständigkeit entlässt und sie aus ihrem Nutzerstatus in einen normalen Mieterstatus bringt, so dass sie hier so wohnen können, wie die WGs es tun.


"Im Alltag hinterfrage ich immer wieder das Eigene, wenn ich erlebe, wie andere Leute leben und andere Dinge als ich für selbstverständlich halten".
 

Stellt euch vor, in fünf Jahren läuft alles super gut. Wie würde es hier aussehen?

Gunnar: Dieses Theater – „Familie x muss ausziehen bis nächste Woche“ – mag keiner mehr haben und war für alle im Haus furchtbar. Die Kinder waren hier zur Schule gegangen und mussten sie wechseln. Hätte es im Vorfeld bessere Absprachen mit der Stadt gegeben, hätte sich das vermeiden lassen. Wir hoffen, dass es in Zukunft keine Wechsel mehr gibt und dass die Leute hier ankommen.

Heike: Und für uns im Haus: dass wir es noch mehr schaffen, alle mit einzubeziehen. Auch bei Entscheidungen, bei der Organisation. Dass wir uns wirklich regelmäßig gemeinsam treffen, eine Person aus jeder Wohnung, und dass sich alle an gemeinsamen Entscheidungen beteiligen können. Ich bin mal gespannt, ob wir das hinbekommen. Für uns ist es schon sehr spannend hier zu wohnen, weil es letztendlich auch immer wieder eine Auseinandersetzung mit fremden Kulturen ist. Im Alltag hinterfrage ich immer wieder das Eigene, wenn ich erlebe, wie andere Leute leben und andere Dinge als ich für selbstverständlich halten. Zum Beispiel feiert ein 16-jähriges Mädchen Geburtstag und lädt alle ein, die im Haus wohnen. Dann stellt sich heraus, dass nur die Frauen eingeladen sind. Manche Dinge überraschen und führen zu Diskussionen: Dass man sich selbst überlegt, welche Wertmaßstäbe man selbst eigentlich hat. Das Zusammenleben stößt bei den WGs vieles an.

Gunnar: Und bei den anderen wahrscheinlich auch. Ohne, dass wir es direkt mitkriegen. Ich sage immer allen, die zu Besuch sind, dass sie wiederkommen sollen, um zu schauen, was aus dem Projekt geworden ist. Es wird spannend sein, wie es hier in zwei Jahren aussieht.

 

Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Redaktionelle Bearbeitung: Marie Hoffmann und Samia Dinkelaker