Hilfe und Empowerment nach dem Sommer des Willkommens 2015

Ein Interview-Dossier


Marie Hoffmann & Samia Dinkelaker  

Das vorliegende Interview-Dossier stellt Personen vor, die sich für die Teilhabe von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte in Deutschland einsetzen. Die Filmemacherin Anne Frisius führte Interviews mit diesen Engagierten im Rahmen einer Kurzfilmreihe, die für das Forschungsprojekt Willkommenskultur und Demokratie entstanden ist. 

Frisius‘ Filme zeigen, was oft unter dem Stichwort ‚Willkommenskultur‘ verhandelt wird: den überwältigenden ehrenamtlichen Einsatz in ganz Deutschland im Sommer 2015. Dieser ‚Sommer des Willkommens‘ ist eng verknüpft mit Bildern von Helfer*innen und ankommenden Geflüchteten an Bahnhöfen und Aktiven bei Kleider- und Essensspenden. Die Filme bieten Einblicke weit darüber hinaus. Sie machen die diversen Hintergründe und Herangehensweisen der engagierten Menschen sichtbar. Um diese vielfältigen Positionierungen in ausführlicher Form zu präsentieren, wurden einige der Interviews verschriftlicht und redaktionell bearbeitet.

Die Protagonist*innen zeigen die verschiedenen Perspektiven auf das Ankommen, das Willkommen-Heißen und auf gesellschaftliche Teilhabe. So betont der Aktivist Ali Ahmed von der Geflüchteten-Initiative Lampedusa in Hamburg: „Wir sind jetzt Teil der Geschichte Hamburgs“. Es sind Perspektiven auf Hilfe, Empowerment, Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sind nicht homogen und einseitig, sondern divers und decken viele Formen von gegenseitiger Unterstützung auf, von denen nicht nur geflüchtete Menschen profitieren. Für die Unterstützerin Sybille aus Sachsen etwa war die Vernetzung mit anderen Unterstützer*innen eine Form der Selbstermächtigung: Sie hat ihre Motivation für ihr Engagement für Geflüchtete aus den Ereignissen des Sommers 2015 gezogen. Statt während einer PEGIDA-Demo vereinzelt zu Hause zu sitzen, hat sie mit ihren Mitstreiter*innen das Willkommensbündnis in Dippoldiswalde gegründet, um der antimigrantischen Stimmung in Sachsen etwas entgegen setzen zu können. Aicha El Saleh und Aida Begović, die zum Zeitpunkt des Interviews für die Empowerment-Initiative MUT des Dachverbands von Migrantinnenorganisationen DaMigra e.V.arbeiteten, zeigen, wie sie durch ihr eigenes Empowerment andere Frauen mit Migrations- und Fluchtgeschichte dabei unterstützen, für sich selbst und die eigenen Projekte und Ideen einzustehen. 

Die Aktivist*innen und Engagierten, die zu Wort kommen, stellen klar, dass Solidarität nicht von oben herab funktionieren kann. Möglichkeiten der Demokratie und Mitbestimmung in gemeinsamen Projekten bergen dabei Herausforderungen. Heike und Gunnar von der Initiative Neue Nachbarn Tübingen etwa erzählen von den Schwierigkeiten in ihrem Hausprojekt, in dem Geflüchtete und alteingesessene Tübinger*innen zusammenleben. Ihnen zufolge fällt es schwer, Sprachbarrieren zu überwinden, die entscheidend für demokratische Mitbestimmung sind. Dennoch sind alle Involvierten daran interessiert, zusammen zu kommen und ihr Leben und die Gesellschaft gemeinsam zu gestalten. 

Wie ein Großteil der interviewten Personen schildert, wird die grundsätzliche Fähigkeit zur Teilhabe geflüchteter Menschen in zahlreichen Fällen jedoch durch Faktoren erschwert, die weniger in den einzelnen Projekten als in staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen begründet sind. Die Beschränkung im Zugang zum Arbeitsmarkt, die Schwierigkeit für Menschen mit Fluchterfahrung eine Wohnung zu finden und die emotionale Belastung, die durch die erschwerte Familienzusammenführung verursacht ist, hindern eine selbstbestimmte Gestaltung des eigenen Lebens sowie die Mitgestaltung gesellschaftlichen Lebens erheblich.

Die Arbeit der Interviewten in Projekten und Initiativen und die implizierten gesellschaftlichen Aushandlungen, die sich in dieser widerspiegeln, verweist auf das, was Aktivist*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen als „postmigrantische Gesellschaft“ (z.B. Foroutan, Karakayali & Spielhaus 2018; Hill & Yıldız 2018; Terkessidis 2017) bezeichnen: die Anerkennung, dass Einwanderung Normalität ist. Diese Perspektive beinhaltet ein Infragestellen von Binaritäten, wie die in der Gegenüberstellung von aktiven ‚Helfer*innen‘ und passiven ‚Empfänger*innen‘ oder der Abgrenzung eines vermeintlich homogenen ‚wir‘ vom kulturell Anderen. Denn die Festlegung auf das Anderssein von Menschen, die eine Flucht- und Migrationsgeschichte haben bzw. denen diese zugeschrieben wird, schreibt auf hartnäckige Weise gesellschaftliche Ausschlüsse fort. Um die gesellschaftliche Teilhabe aller hier lebenden Menschen zu gewährleisten, braucht es deshalb die Gestaltung der Vielfalt in der postmigrantischen Gesellschaft. Sie kann nur gemeinsam unter Verschiedenen gelingen.

                                                                                                                           Osnabrück, April 2020 

 

Literatur

Foroutan, N. (2015). Die Einheit Der Verschiedenen: Integration in der Postmigrantischen Gesellschaft. Osnabrück / Bonn. 
https://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers/205183/integrati… (abgerufen am 29.12.2019)

Foroutan, N., Karakayali, J. & Spielhaus, R. (Hrsg.). (2018). Postmigrantische Perspektiven. Ordnungssysteme, Repräsentationen, Kritik. Frankfurt a.M./ New York: Campus.

Hill, M. & Yıldız, E. (Hrsg.). (2018). Postmigrantische Visionen. Erfahrungen - Ideen - Reflexionen. Bielefeld: Transcript.

Terkessidis, M. (2017). Nach Der Flucht. Neue Ideen Für Die Einwanderungsgesellschaft. Stuttgart: Reclam.