„Solidarität in verschiedener Art und Weise praktisch umsetzen“

Interview mit einer Aktivistin der Gruppe No Lager

 

April 2019, Osnabrück.

 

„Welche Art von Unterstützungsarbeit leistet ihr und welche Ziele verfolgt ihr dabei?“

 

„Also No Lager versteht sich als antirassistisch arbeitende Gruppe, die ihren Fokus vor allem auch darauf legt, dass die Selbstorganisation von Leuten die tatsächlich von Asylrechtsverschärfungen betroffen sind, zu befördern. Es geht darum die Organisierungen zu unterstützen, Räume zu Verfügung zu stellen, damit Menschen ihren Protest umsetzen können. Und weiter geht es uns darum, dass alle, die davon irgendwie passiv betroffen sind, sich mit den Leuten solidarisieren. Diese Menschen sind natürlich auch herzlich willkommen und werden auch gebraucht. Solidarität kann in verschiedene Art und Weisen praktisch umgesetzt werden.

Seit das Asylpaket eins verabschiedet wurde, ist es ja quasi unmöglich, Abschiebungen zu verhindern – oder zumindest in der Form wie dies vorher gemacht wurde: In Niedersachsen gab es ja diesen Zettel, den Betroffene zugeschickt bekommen haben, wo Uhrzeit, Datum und Ort drauf stand, wann die Abschiebung stattfinden soll. Das hat uns die Mobilisierung viel einfacher gemacht. Und das ist ja jetzt alles passé. Aber nichtsdestotrotz verschreibt sich No Lager noch immer dem Thema der Abschiebeverhinderung. Nur geht es jetzt viel mehr darum, Abschiebungen zu erschweren, denn verhindern ist quasi unmöglich geworden.

Darüber hinaus unterstützen wir selbstorganisierten Protest und geben uns die die Aufgabe Antirassismus-Arbeit in Form von Aufklärungsarbeit voranzutreiben. Wir versuchen zu informieren, wo hier im Stadtbild alltäglich rassistische Strukturen bestehen – wie zum Beispiel durch Institutionen der Ausländerbehörde oder aber auch ganz simpel beim Einkaufen, auf dem Wohnungsmarkt und auf dem Arbeitsmarkt. Und machen wir noch viel Vernetzungsarbeit mit anderen Organisationen (deutschlandweit und europaweit). Gerade die Leute, die im Dublin-Verfahren sind, brauchen ja dann auch weiterhin Strukturen wenn sie abgeschoben werden.

Insgesamt geht es uns erst einmal darum zuzuhören. Erstmal den Leuten Gehör zu schenken, denn das ist für viele auch unbekannt, dass sie irgendwo hinkommen mit ihrem Problemfall und erstmal angenommen werden. Das ihnen zugehört wird und sie nicht als störend oder als schwierig wahrgenommen zu werden ist da dann schon der erste Schritt. Und dann versuchen wir Unterstützung zu leisten, indem wir die Menschen dazu befähigen selbst wirksam zu werden. Also wir können niemensch irgendwas abnehmen, aber zeigen, wie es weitergehen könnte. Und uns geht es dann darum, dass die Leute vor allem im besten Falle das Gefühl von Selbstwirksamkeit kriegen. Das funktioniert zum Beispiel durch selbstorganisierten Protest. Das kann dann ganz unterschiedliche weitergehen: Zum Beispiel mit einer Demo oder es kann darum gehen selber irgendwie Abschiebungen zu verhindern in dem Lager in dem man leben muss, oder einfach nur über die Rechtslage Bescheid zu bekommen und hier selbstständig interagieren zu können.“

 

Selbstbeschreibung der Gruppe:

"No Lager Osnabrück ist eine seit 2001 bestehende, anti-rassistisch arbeitende Gruppe. Zwischen den Jahren 2013 und 2015 konnten 37 Dublin-Abschiebungen verhindert werden. Ziviler Ungehorsam als legitimes Mittel wurde genutzt, um der deutschen Deportationskultur entschieden entgegen zu wirken. Mit der Asyl(un)rechtsverschärfung im Oktober 2015 wurden Abschiebeverhinderungen erschwert aber nicht unmöglich gemacht. Durch die Taktik des selbstorganisierten Protest von Geflüchteten konnte eine selbstverwaltete Struktur gestärkt werden, die in 2017 mehr als 25 Menschen vor einer Abschiebung geschützt haben. Die Gruppe No Lager Osnabrück solidarisiert und organisiert sich mit geflüchteten Menschen, um gemeinsam der deutschen LEIDkultur entgegenzuwirken. Denn es bleibt dabei: Flucht ist kein Verbrechen und Solidarität die schönste Sache der Welt. Für eine Welt ohne Abschiebungen und Bleiberecht für Alle"