„Sie leiden unter Schuldkomplexen!“

Interview in einer Wohngruppe für minderjährige unbegleitete Geflüchtete des Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e.V.

 

August 2018, Hamburg.

 

Wo sehen Sie die stärksten Herausforderungen in der Arbeit mit jungen unbegleiteten Geflüchteten in den Wohngruppen?

 

„Also als ich damals hier angefangen habe, haben wir mit anderen Klient*innen zusammenarbeitet, als jene die dann ab Ende 2014 und bis jetzt auch hier haben. Früher waren es hier viele Jugendliche direkt aus dem Milieu, auch teilweise aus dem Umfeld hier vom Bezirk Hamburg-Mitte. Auch viele mit einer Suchtproblematik und Therapiebedarf. Das waren fast ausschließlich sogenannte Hamburger-Kids, die hier bei uns gewohnt haben. Das entwickelte sich dann mit der Zeit doch immer mehr auch in die Richtung, dass wir Menschen – also junge Leute – bei uns aufgenommen haben, die noch im Asylverfahren sind und als unbegleitete Minderjährige hergekommen sind.

Und da veränderte sich unsere Arbeit doch schon ziemlich. Früher war ich zum Beispiel lange nicht so fit darin: Wie sieht das mit Gestattung, Duldung, Aufenthaltstiteln und den ganzen anderen Angelegenheiten aus? An welche Frist muss man sich da halten? Was muss man bedenken? Und wie geht es solchen Menschen, die einen so langen Weg hinter sich gebracht haben? Was bringen die so alles mit? Auch, wenn sie augenscheinlich eigentlich erst einmal ganz normal aussehen. Aber was brodelt dann teilweise auch so in diesen jungen Menschen?

Das ist auch eine ganz andere Arbeitsweise auch, ein ganz anderes Herangehen an die Kids und hat unsere Arbeit hier auch schon verändert. Also, früher merkten wir hier, dass wir ein viel engeres Gruppengefüge und vor allem auch Gesprächsrahmen hatten, wo man mit Jugendlichen viele Sachen auch im Dialog, mit einer großen Gruppe beispielsweise, thematisieren konnten. Das wird jetzt manchmal etwas schwieriger, wenn zum Beispiel ganz banale Dinge, wie Sprachschwierigkeiten dazu kommen, dass Menschen einfach noch nicht so lange bei uns sind, dass sie sich verbal so gut ausdrücken können, wie ein dann vielleicht doch halbwegs aufgeräumter Jugendlicher, der schon über seine Gefühle und dergleichen in seiner Kindheit gelernt hat zu sprechen. Wenn das für viele Menschen, die hier dann bei uns gewohnt haben, manchmal doch ein ganz großes Problem gewesen ist.

Ja, dieser Aspekt des zumindest augenscheinlich ganz normale Jugendliche, das ist dann doch teilweise eben nicht: Viele der Kids die hier unterkommen sind traumatisiert. Sie haben viele schlimme Dinge auf der Flucht erlebt und erfahren. Und sie haben ihre Familien zurückgelassen. Und in ihren Herkunftsländern sind die Verhältnisse alles andere als gut oder sicher. Und viele von diesen jungen Menschen leiden auch unter enormen Schuldkomplexen, dass sie es geschafft haben.“

 

Selbstbeschreibung des Vereins:

Der Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e. V. setzt sich seit 1974 in Hamburg für Kinder, Jugendliche und Familien in belasteten Lebenslagen ein. Fortschrittliche, innovative und miteinander verzahnte Angebote prägen unsere Arbeit.