„Sondern, wir bauen ein Haus!“

Interview mit der Bürger-Wohnbau-Gesellschaft "Neue Nachbarn"

 

März 2019, Tübingen.

 

„Wie kam es eigentlich dazu, dass ihr als Gesellschaft ein Haus als Anschlussunterkunft gebaut habt?“

 

„Ich würde mal anfangen die Geschichte zu erzählen. Also 2015 auf 2016 sind viele Leute gekommen aus den Kriegsgebieten im Nahen Osten. Und die Stadt Tübingen hat dann 12 Grundstücke ausgewiesen, auf denen nicht nur die städtische Wohnbaugesellschaft oder die Stadt selber etwas errichten kann, sondern wo sich auch private Gruppen bewerben können, Häuser für Anschlussunterkünfte zu errichten. Die sollten dann immer mit jeweils unterschiedlichen Konzepten geplant werden und eines dieser Konzepte sind die ‚Neuen Nachbarn‘. Also das Haus in dem wir nun sitzen, ist auf dieser Grundlage entstanden. Da hat sich eine Gruppe konstituiert, die gesagt hat: „Wir bauen mit möglichst vielen Menschen aus der Stadt Tübingen zusammen ein Haus!“ Das sind jetzt 107 Gesellschafter*innen mit 2.500 bis 40.000 Euro Anteil. Wir haben bei 2.500 Euro angefangen, weil das in etwa die Kosten für einen Quadratmeter deckt. Wir haben insgesamt 700.000 Euro aufgetrieben. Und dann gab es ja ein Programm des Landes Baden-Württemberg für Flüchtlingswohnen, aufgrund dessen 25% der Kosten von dem was Anschlusswohnen kostet, noch einmal gefördert wurde. Das waren dann noch mal 600.000 Euro. So auf diese Weise haben wir 1.3 Millionen Euro zusammenbekommen. Gekostet hat der gesamte Bau dann 3 Millionen Euro, so dass der Rest über KfW-Kredite finanziert wurde.

Wir hatten darüber hinaus gar keine direkte inhaltliche Konzeption – also irgendwie sowas wie mit den Geflüchteten gärtnern oder so – sondern wir bauen ein Haus und schauen was in dieser Hütte stattfinden wird. Die Geflüchteten, die dann in das Haus ziehen werden ja in der Regel schon durch Institutionen oder Freiwillige begleitet. Und dann ja, wir bauen das Haus auch nicht nur für Geflüchtete: Wir haben jetzt eine Verteilung der Wohnfläche in etwa für 80% Geflüchtete und die verbleibenden 20% sind zwei andere Wohngemeinschaften. Ja eigentlich wollten wir das anders also mindestens 50/50, aber das Landesprogramm hat nur Bezuschussungen vorgesehen, wenn zu 80% Geflüchtete im Haus wohnen. Und so ist es dann auch gekommen.

Und wir haben dann sehr lange überlegt, wie wir die beiden großen Wohnungen, die wir selber vermieten, belegen wollen. Es sind 12 Wohnungen insgesamt, von denen vergibt 10 die Stadt – und die verbietet sich auch jegliche Einflussnahme von uns – und wir haben nur Einfluss auf 2 Wohnungen. Und da haben wir dann die beiden Wohngemeinschaften ausgesucht. Also zumindest die Bewohner*innen.

Und ja, da das so von allen gewollt war und die Stadt auch ein hohes Interesse hatte, ging das dann ziemlich schnell alles. Von dem Moment wo sich 30 Tübinger*innen bei einem Geburtstagsbrunch zusammengesetzt haben, bis zum Einzug der ersten Menschen in das Haus hat es 2,5 Jahre gedauert.“

 

Selbstbeschreibung der Gruppe:

„Die Neuen Nachbarn haben nicht nur das Haus gebaut, sie verwalten auch langfristig das Haus und sind für Sie ansprechbar. Über die Hausverwaltung hinaus haben die Neuen Nachbarn eine Arbeitsgruppe aus Gesellschafter*innen, aus Nachbar*innen und aus aktiven Menschen aus den Flüchtlingsunterstützerkreisen der Tübinger Südstadt gebildet. Diese Menschen stehen den Bewohner*innen und den Nachbar*innen als Ansprechpartner*innen für alltägliche Anliegen zur Verfügung und wollen mit allen Beteiligten zusammen zum Gelingen des Zusammenlebens beitragen.“