“Die ganze Traumatisierung kommt zurück...”

Interview mit ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Café 104

 

November 2018, München.

 

“Bitte erzählen Sie uns doch, wie sich Ihre Arbeit seit 2015 verändert hat?”

 

„München hat eine Rot-Schwarze-Regierung. Es gibt einen CDU Bürgermeister von dem wir eigentlich wenig mitkriegen und einen von der SPD der wirklich gut ist. Und mit den Grünen stehen wir gut. Die helfen uns tatsächlich. Wir hatten ja gerade unser 20jähriges Jubiläum – da wurde das noch einmal deutlich. Wir haben 20 Jahre ehrenamtlich, ohne jegliche Unterstützung – abgesehen von der Miete für diese Praxis, die übernehmen die Ärzte der Welt– unsere Arbeit geleistet. Und jetzt nach 20 Jahren also wird die Stadt uns eine Halbtagsstelle bezahlen. Wir bekommen da etwa 35.000 Euro zur Verfügung stellt – auch einfach weil wir die Arbeit nicht schaffen.

Und naja seit 2015 hat sich bei uns auch viel verändert. Wir unterstützen ja eigentlich nicht nur Geflüchteten, sondern Menschen ohne Papiere insgesamt. Und das sind zum größten Teil Migrant*innen. Aber 2015 da hat sich das Klientel dann sehr ungünstig verändert. Zu uns sind dann sehr viele abgelehnte Asylbewerber*innen gekommen, die schwer krank sind. Sehr viele sind suizidal  und das wurde dann so schlimm, dass wir das eigentlich nicht mehr gepackt haben. Wir sind alle keine Psycholog*innen und auch alle keine Ärzt*innen. Und dann haben wir Refugio um Unterstützung gebeten. Wir haben da gesagt, es überfordert uns, wenn hier jemand in der Praxis einen Flashback kriegt zum Beispiel. Oder eine wollte hier auf der Stelle Selbstmord begehen. Da sind wir dann verständlicherweise überfordert.

Das wurde dann auch für die Mitarbeiter*innen insgesamt sehr schwierig. Denn es ist natürlich psychisch sehr belastend, beispielsweise eine Email zu bekommen im Sinne von: ‚Ich begehe jetzt Selbstmord. Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben und wir sehen uns dann in einem nächsten Leben wieder‘. Und das dann erst so abends um sieben Uhr. Tja und dann muss ich nachschauen, ist der Mensch noch da oder ist er nicht mehr da. Und das ist furchtbar. Das liegt halt vor allem an der Abschiebepraxis hier in Bayern. Es gibt viele Menschen aus Afghanistan in München. Und hier sind auch die psychologischen Dienste und Unterstützer*innen gerade in heller Aufregung. Die sagen auch Klient*innen, die sie schon als geheilt entlassen haben, kommen jetzt wieder. Die haben einen Flashback und die ganzen Traumatisierungen kommen zurück. Einfach nur wegen der jetzt monatlichen Sammelabschiebungen nach Afghanistan.“

 

Selbstbeschreibung des Café 104:

" Das Café 104 wendet sich an Migrantinnen und Migranten ohne Aufenthaltsstatus. In der Behördensprache als "Illegale" bezeichnet, sind es Menschen, die keine oder kaum einklagbare Rechte besitzen, und unter der permanenten Angst leben müssen, abgeschoben zu werden."