„Die Frauen möchten auch einfach eine schöne Zeit verbringen.”

Projektstelle für geflüchtete Frauen und Mädchen in der Frauenberatungsstelle Osnabrück

Die Osnabrücker Frauenberatungsstelle wird seit 2018 durch die Projektstelle ‚Beratung und Begleitung für geflüchtete Frauen bei häuslicher und sexualisierter Gewalt‘ ergänzt. Mit Unterstützung der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Osnabrück Katja Weber-Khan und der Gleichstellungsbeauftragten des Landkreis Osnabrück Monika Schulte wurde die Stelle zunächst befristet einrichtet. Die Frauenberatungsstelle strebt eine Verstetigung der Finanzierung an. Mit Najlaa Jlilati ist die Projektstelle durch eine Frau mit juristischer Expertise, eigener Fluchtgeschichte aus Syrien und arabischen Sprachkenntnissen besetzt. Der geteilte Erfahrungshintergrund und die sprachliche Nähe zu den Ratsuchenden führt zu einer geschätzten Vertrautheit und daher einem erleichterten Umgang in der Beratungsarbeit rund um sensible Themen partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt. Najjlaa Jlilatis Kernaufgabe ist die Vermittlung des Wissens über Gewalt und deren Auswirkungen auf die Betroffenen; dazu gehört auch die Aufklärung über die Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes und des Sexualstrafrechts. Darüber hinaus wurde auf den Wunsch der Frauen hin verschiedene Vernetzungs-, Kennenlern- und Freizeitangebote in den Räumlichkeiten der Frauenbereatungsstelle geschaffen – darunter eine interkulturelle Gruppe mit Osnabrücker Frauen, wie Najlaa Jlilati und Projektmitarbeiterin Maria Meyer berichten.
 

Filmstill aus dem Film „Die Solidarität untereinander: das gibt mir Kraft!” Frauenprojekte und die Arbeit mit geflüchteten Frauen von Najlaa Jlilati
Filmstill aus dem Film "'Die Solidarität untereinander: das gibt mir Kraft!' Frauenprojekte und die Arbeit mit geflüchteten Frauen" (Anne Frisius, 2020)

 

Was war der entscheidende Grund, die Stelle ‚Beratung und Begleitung für geflüchtete Frauen bei häuslicher und sexualisierter Gewalt‘ einzurichten?


Maria Meyer: Bis zum Jahr 2015 haben wir in unserer Beratungsstelle verhältnismäßig wenig Frauen mit Migrationshintergrund begleitet. Zunächst wollten wir uns aufgrund unserer stark begrenzten Kapazitäten in dem Themengebiet zumindest politisch zurückhalten, aber das hat schlicht nicht funktioniert. In den Jahren 2016 und 2017 suchten immer mehr geflüchtete Frauen unsere Beratungsstelle auf, von denen sich einige in akuten Krisen befanden. Dabei ging es um sexuelle oder häusliche Gewalt, die die Frauen auf der Flucht, in den Gemeinschaftsunterkünften hier in Deutschland, oder nach einer Familienzusammenführung erleben. Die spezifische Partnerschaftsgewalt ist unser Fachgebiet und wir sind die einzige Beratungsstelle in der Stadt und im Landkreis, die sowohl Sicherheitsberatung bei häuslicher Gewalt als auch Begleitung und Beratung bei sexualisierter Gewalt anbietet. Allen anderen Verbänden, die in Osnabrück mit geflüchteten Frauen arbeiten, fehlt diese Expertise. Aufgrund des hohen Bedarfs habe ich mich also darum bemüht, bei uns die Projektstelle ‚Beratung und Begleitung für geflüchtete Frauen bei häuslicher und sexualisierter Gewalt‘ einzurichten.

 

"Neben den Verständigungsproblemen ist meist die größte Hürde für die Frauen, dass sie ihre Rechte nicht kennen."
 

Najlaa Jlilati: Sie sind dann darauf gekommen, dass sie für die Stelle am besten eine arabisch und deutschsprechende Mitarbeiterin brauchen, die mit den Frauen in einer vertrauten Sprache sprechen, aber auch mit den Behörden kommunizieren kann. Das hat vor allem praktische Gründe, um Kosten für die Übersetzung und Vermittlung zu sparen und die Prozesse zu vereinfachen. Ich habe damals über den Verein Exil – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge e.V. von der Stelle erfahren und war durch meine syrische Herkunft und die arabische Sprache, aber vor allem auch durch meine juristische Arbeitserfahrung geeignet für die Stelle. Denn neben den Verständigungsproblemen ist es meist die größte Hürde für die Frauen, dass sie ihre Rechte nicht kennen. Meine Beratungsarbeit ist entsprechend der Probleme der Frauen sehr vielfältig: Ich berate sie im Asylrecht, Aufenthaltsrecht, Familienrecht, Gewaltschutzrecht und im Strafrecht.

Über die Beratung und Begleitung zu Ämtern hinaus bieten Sie Räume des Austauschs und Aktivitäten für Frauen mit Fluchtgeschichte. Welche Rolle spielen solche geschützten Räume für die Unterstützung und Ermächtigung?
 

Najlaa JlilatiViele von den Frauen sind wegen der Trennung von ihrem Mann isoliert und fühlen sich im Alltag oft alleine. Bei uns in der Beratungsstelle erleben sie, dass sie nicht verurteilt werden, weil hier alle Frauen eine ähnliche Geschichte haben und die gleichen Ängste teilen. Es ist sehr wichtig für sie zu merken, dass sie nicht allein sind. Außerdem ist bei uns alles anonym und die Arbeit ausschließlich auf die Bedarfe der Frauen ausgerichtet, und nicht auf die ihrer Kinder oder Männer. Sie bauen Vertrauen auf und fühlen sich bei uns sehr wohl. An diesem geschützten Ort möchten sie natürlich auch eine schöne Zeit verbringen und andere Frauen kennenlernen. Wegen der großen Nachfrage nach Aktivitäten bieten wir mittlerweile verschiedene Gruppenangebote an. Wir machen zum Beispiel gemeinsame Spaziergänge mit Achtsamkeitsübungen. Viele der Frauen sind traumatisiert, und durch die Achtsamkeitsübungen können sie lernen, ihre Erlebnisse und Erinnerungen hinter sich zu lassen. Die Übungen können sie dann auch zu Hause oder mit der Familie anwenden, wenn sie gestresst sind. Außerdem mache ich gerne Ausflüge mit den Frauen, zum Beispiel in ein Museum, da es ihnen sehr gut tut, einfach mal etwas Schönes für sich zu erleben.

Für den erwünschten Austausch haben stehen uns die Räumlichkeiten der Beratungsstelle zur Verfügung, die wir eigenverantwortlich mit den Gruppen nutzen. Untereinander können sich die Frauen gegenseitig von ihren Erfahrungen berichten und durch positive Erlebnisse ermutigen und bestärken. Einmal im Monat trifft sich auch eine interkulturelle Frauengruppe, in der deutsche Frauen mit geflüchteten Frauen zusammenkommen. In der Gruppe sitzen wir zusammen, trinken Kaffee oder Tee. Es kommt zum Austausch von Sprach- und Kulturkenntnissen und Kontakte werden geknüpft. Diese Treffen sind von beiden Seiten sehr begehrt. Die Gruppe ist hilfreich, um sich gegenseitig besser zu verstehen und sich beispielsweise über Missverständnisse in der Ehrenamtsarbeit und gegenseitige Erwartungen auszutauschen oder um über Vorurteile zu sprechen.

 

"Ich weiß, dass es jemanden auf der Seite der Frauen braucht."
 

Inwiefern ist Frau Jlilatis Perspektive eine Bereicherung für die Beratungsstelle? 


Najlaa Jlilati: Ich bin selber geflüchtet. Ich kenne das Gefühl, ohne Familie und ohne Unterstützung in einem fremden Land zu sein, vielleicht sogar mit Kindern hilflos zu sein. Ich weiß, dass es jemanden auf der Seite der Frauen braucht. Dabei geht es nicht nur um die Hilfe, mit jemandem zu sprechen, seine Fragen zu stellen und eine Antwort zu bekommen. Sondern sie brauchen jemanden, der ihre Rechte kennt und ihnen den Weg zeigt. Weil ich aus dem gleichen Kulturkreis wie die Frauen komme, haben sie besonders Vertrauen in mich. Sie können mir mehr erzählen als den anderen Beraterinnen. Die Frauen erleben ab und zu, dass sie diskriminiert werden – entweder, weil sie Frauen sind, weil sie ausländisch sind oder weil sie ein Kopftuch tragen. Ich mache zwar sehr viel gute Erfahrung mit den Behörden, aber ich weiß, dass es Spuren von Rassismus und Diskriminierung in den Institutionen, und auch viele Vorurteile in der Gesellschaft gibt. Zum Beispiel bekommen die Frauen, die ich berate, häufig keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz, weil sie ein Kopftuch tragen. Ich finde es daher sehr wichtig, über diese Erlebnisse zu sprechen und dafür einzustehen, dass alle die gleichen Rechte haben.

Maria Meyer: Frau Jlilatis Perspektive ist eine wichtige Bereicherung für unser Team, um spezifische Bedürfnisse und Reaktionen der geflüchteten Frauen in unserem Arbeitsalltag besser zu verstehen. Durch ihre persönliche und professionelle Expertise, aber vor allem durch ihr besonderes Engagement konnte sie im letzten Jahr als Vermittlerin und Interessensvertreterin sehr viel erreichen. Ohne ihr Wissen und die Identifikationsmöglichkeit für die Frauen wären die Zugangshürden für die Frauen in unsere Beratungsarbeit deutlich höher. Frau Jlilati hat außerdem ein eigenständiges Konzept erarbeitet, in der knapp bemessenen Zeit, allen Frauen gerecht zu werden und wir schätzen ihr Engagement sehr.

Was würden Sie anderen Beratungsstellen raten, die die Qualität in der Unterstützungsarbeit mit gewaltbetroffenen Frauen mit Flucht- und /oder Rassismuserfahrungen verbessern möchten?


Najlaa Jlilati:  Frauen, die von anderen Orten nach Osnabrück kommen, erzählen mir häufig, dass es in anderen Frauenberatungsstellen keine arabisch- oder anderssprachige Mitarbeiterinnen gibt. Häufig haben die Mitarbeiterinnen außerdem sehr wenig Kenntnisse über Asyl- und Flüchtlingsrecht, das ist für die Frauen natürlich sehr wichtig ist. Wenn sie sich von ihrem Mann trennen möchten, brauchen sie erst einmal Informationen darüber, welche Rechte und Ansprüche sie dann noch haben würden, ob sie überhaupt hier weiterleben dürften und welche Möglichkeiten ihnen blieben.

Es gibt also leider häufig einen spezifischen Fachkräftemangel bei anderen Frauenberatungsstellen und allein schon Schwierigkeiten in der Kommunikation. Das zu ändern, ist sehr wichtig. Eine Empfehlung aus meiner Erfahrung ist es außerdem, enge Kontakte mit den Behörden zu pflegen, die im Arbeitsalltag sehr hilfreich sind. Ich muss dort regelmäßig anrufen oder die Frauen zu Terminen begleiten, und die Vernetzung hat mir sehr dabei geholfen und auch meine Kenntnisse und meine Erfahrungen erweitert.

 

"Die Frauen müssen sich von ihren traumatischen Erlebnissen und ihrem Stress zwischendurch erholen können und auch Spaß haben."
 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für die Unterstützung geflüchteter Frauen wünschen?


Maria Meyer: Strukturell wäre es für unsere Arbeit zunächst sehr wichtig, dass frauenspezifische Fluchtgründe mehr Anerkennung und Berücksichtigung finden und der institutionelle Umgang mit Gewalterfahrungen deutlich sensibilisiert wird. Das könnte die gemeinsame Arbeit auf jeden Fall verbessern und Hürden für die Frauen senken. Die Expertise der Beratungsstelle, unsere Einschätzungen und unsere Berichte müssten außerdem mehr Gehör finden, wenn es um behördliche Entscheidungen geht – wir sind schließlich die Spezialistinnen.

Die Beratungsstelle würde von mehr finanziellen Ressourcen profitieren, um eine weitere Stelle und angemessene Übersetzungsmöglichkeiten anbieten zu können. Wir sind froh, mit Frau Jlilati eine feste Stelle im Projekt zu haben, da ehrenamtliche Arbeit im Bereich häusliche und sexualisierte Gewalt angesichts der hohen Ansprüche an die Fachkompetenz natürlich schwierig ist. Aber eine Stelle reicht eben noch nicht aus, um allen Frauen hier eine angemessene Begleitung zu geben.

Für die Zukunft wünschen wir uns außerdem mehr Kapazitäten, um die Frauen so gut wie möglich zu empowern. Dazu gehören neben Fort- und Weiterbildungsangeboten auch weitere Freizeitaktivitäten, die für das Wohlergehen der Frauen und die Verarbeitung ihrer Erfahrungen sehr wichtig sind. Wie Frau Jlilati sagte, müssen sich die Frauen von ihren traumatischen Erlebnissen und ihrem Stress zwischendurch erholen können und auch Spaß haben. Wir haben die Beratungsstelle räumlich ausgebaut und wollten damit weitere Gruppenräume schaffen, die von uns nur zur Verfügung gestellt und von den Frauen dann selbstständig übernommen und geführt werden können.