Von rechten Nachbarn und Bürokratiemaschinen

Zwei sächsische Flüchtlingshelfer*innen über Pegida, die Grenzen der Bürokratie und Integration durch Patenschaften


Sibylle ist Gymnasiallehrerin in Dippoldiswalde und engagiert sich seit einigen Jahren ehrenamtlich für Geflüchtete. Claus Dethleff ist Netzwerkoordinator des Bürgernetzwerks „Laubegast ist bunt“ in Dresden. Es wurde 2010 gegründet und setzt sich für Demokratie und eine weltoffene Gesellschaft ein. Sibylle und Claus sprachen über ihre Arbeit im August 2018, kurz nach den rassistischen Übergriffen in Chemnitz, als Rechte einen tödlichen Messerangriff auf einen Chemnitzer für ihre Mobilisierungen instrumentalisierten.
 

Wie seid ihr dazu gekommen, euch für Geflüchtete zu engagieren? Was ist eure Motivation?

Sibylle: Ich bin zur Flüchtlingshilfe geraten nach einer Pegida-Demo in unserer kleinen Stadt, die mich sehr entsetzt hat. Ich denke, dass solche Art Demonstrationen in einer kleinen Kommune schockierender wirken, weil man die Leute kennt, anders als in einer Großstadt. Das war für viele von uns der ausschlaggebende Punkt: Irgendetwas entgegenzusetzen, ohne gegen unsere Nachbar*innen auf die Straße zu gehen. Wir haben uns mit Gleichgesinnten getroffen. Wir haben im Friseurladen gesessen und die ganze Sache von dort aus beobachtet. Nicht, weil wir den Friseur so cool fanden, sondern weil die Inhaberin ein deutliches Zeichen gegen solche Demonstrationen gesetzt hatte und wir das Gefühl hatten, wir müssen ihren Laden beschützen. Andere Leute waren in der Kirche versammelt oder haben zu Hause eine Kerze ins Fenster gestellt. Wir haben gesagt: „Warum sitzen wir alle einzeln herum? Wir treffen uns einfach.“ Daraus hat sich das Willkommensbündnis in Dippoldiswalde gegründet. Wir sind gezielt nach Schmiedeberg, einem Ortsteil von Dippoldiswalde, gegangen und haben versucht die Bewohner*innen der Geflüchtetenunterkunft, damals größtenteils syrische Geflüchtete, zu treffen. Wir haben ein Café mitbegründet in Schmiedeberg, wo die Leute regelmäßig hinkommen konnten und haben gemeinsam mit den Leuten gekocht, gespielt, waren wandern. Das waren unsere ersten Aktivitäten.
 

"Ich will, dass die Welt besser wird."
 

Claus: Ich will, dass die Welt besser wird. Klingt nach Gutmensch, oder? Aber es ist wirklich so. Vielleicht als Beispiel: Als ich meine eritreische Patenfamilie kennengelernt habe, eine Mutter mit einer Tochter, die abgeschoben werden sollten, sind sie über ein Kirchenasyl ins Asylverfahren hier in Deutschland gekommen. Als ich sie kennengelernt habe, ihren Bescheid gelesen habe und ansatzweise mitbekommen habe, was ihnen geschehen ist und warum sie hierhergekommen sind, habe ich einen einzigen großen Gedanken im Kopf gehabt: In der Gesellschaft, in der ich leben will, wird diese traumatisierte Frau, die in der Sahara ein Kind verloren hat und jetzt mit ihrem anderen Kind hier ist, nicht abgeschoben. Und das ist es im Prinzip.

 

Wie sind die Reaktionen aus dem nachbarschaftlichen Umfeld bei euch gewesen?

Sibylle: In Dippoldiswalde gab es unterschiedliche Reaktionen. Man muss sich vorstellen, es ist wie ein Dorf. Wir sind nie von unseren Nachbar*innen direkt angefeindet worden. Allerdings wissen wir, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen zu unserem Engagement gab. Das spricht sich dann so hinten herum. Aber wir wohnen schon ziemlich lange in dieser Kommune und dann hat man einen gewissen Stand, wo man sicher sein kann, dass man nie wirklich direkt angegriffen wird. Aber die sächsische Provinz ist schwierig. Nach wie vor.

Claus: Bei uns in der Nachbarschaft gibt es immer noch Anfeindungen. Wenn ich auf der Facebookseite etwas poste, dann gibt es Leute, die ich noch nicht gesperrt habe und die meine Posts kommentieren. Immer wieder kommen weitere Kommentare dazu. Viele Kommentare werfe ich sofort raus, weil ich gar keine Zeit habe, mich um so etwas zu kümmern. Unsachliche Kommentare, die fliegen raus.

 

Was sind eure Aktivitäten bei „Laubegast ist bunt“, Claus?

Claus: Wir machen verschiedene Veranstaltungen, zum Beispiel zu den Wahlen: Wählerforen, Podiumsdiskussionen, Begegnungsfeste. Seit 2014 haben wir einen Schwerpunkt für Geflüchtete. Wir haben ein paar regelmäßige Angebote etabliert, die sich an Geflüchtete und auch an Deutsche richten, zum Beispiel ein Begegnungscafé einmal in der Woche in der Kirchengemeinde. Dann haben wir Deutschkurse oder Deutschtraining für Geflüchtete. Und samstags spielen wir immer Fußball. Wir haben eine Mädchen-Fußballmannschaft, eine Frauen-Fußballmannschaft und eine Männer-Fußballmannschaft, die sogar bundesweit bei Turnieren spielt und sehr erfolgreich dabei ist. Die besteht zu größten Teilen aus Geflüchteten.


"Dabei ist es für die Geflüchteten eine Katastrophe, dass bei Straftätern, die nicht deutscher Herkunft sind, berichtet wird, aus welcher Community sie kommen."


Was gibt Dir Dein Engagement?

Claus: Wenn ich sehe, dass sich etwas entwickelt, dass die Geflüchteten Berufspraktika machen, dass sie anfangen, eine Ausbildung zu machen, dann denke ich, da passiert etwas. Und wenn wir es schaffen, dass sich Freundschaften bilden zwischen afghanischen Familien und deutschen Familien. Die nächste Generation, die wird dann vielleicht dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft bunter und dadurch besser wird. Darin versuche ich sie zu bestärken. Ich finde es schade, dass es Leute gibt, die das von vornherein ablehnen, die gar nicht diesen Gedanken haben, dass es vielleicht keine Rolle spielen muss, wo jemand herkommt. Dabei ist es für die Geflüchteten eine Katastrophe, dass bei Straftätern, die nicht deutscher Herkunft sind, berichtet wird, aus welcher Community sie kommen. Jedes Mal, wenn irgendein Eritreer etwas macht, ist das für die gesamte eritreische Gemeinde eine Katastrophe, weil die ganz genau wissen: Das fällt auf uns alle zurück.


"Die Leute waren in der Regel auf sich gestellt und konnten das natürlich nicht bewältigen."
 

Wie hat sich Eure Arbeit in den Jahren verändert? Gab es Wendepunkte?

Claus: In gewisser Weise haben wir uns professionalisiert. Am Anfang war das für uns komplett neu. Ich würde nicht sagen, wir waren hilflos, denn wir waren sehr ambitioniert, aber haben an vielen Stellen haben wir natürlich Neuland betreten. Mittlerweile spielen die Geflüchteten eine viel größere Rolle. Bei den Geflüchteten gibt es jetzt viele, die gut genug Deutsch können, die sich mit einbringen. Wir hatten jetzt gerade vergangenen Sonntag unser Familienfest. Die afghanischen und die eritreischen Frauen haben gekocht, und die Leute haben bei der Organisation des Festes mitgeholfen. Das haben wir jetzt zum vierten Mal gemacht und es läuft auch immer routinierter. Alles greift ineinander und wir schaffen es mit weniger Leuten. Denn, das muss man auch sagen, wir sind weniger Leute geworden. Andere Initiativen werden glaube ich auch bestätigen können, dass es weniger Engagierte gibt. Aber wir schaffen mit weniger Engagierten im Prinzip genau dasselbe wie vorher mit mehr Leuten.

Sibylle: Der Wendepunkt Ende 2015 und in den Monaten danach war, denke ich, dass die Leute endlich ihre Aufenthaltstitel bekamen und damit die Probleme eigentlich erst begannen. Das heißt, bis dahin waren alle schön versammelt in diesem Heim und es genügte, wenn man ehrenamtlich Deutsch anbot oder versuchte, das Leben der Leute etwas zu erleichtern. Danach ging es um gezielte Hilfe zum Zurechtkommen im deutschen Alltag. Bis zur Erteilung des Aufenthaltstitels waren immer soziale Verbände da, Wohlfahrtsverbände – Caritas, Diakonie und so weiter –, die die Leute betreut haben. Ab diesem Zeitpunkt damals dann nicht mehr. Die Leute waren in der Regel auf sich gestellt und konnten das natürlich nicht bewältigen. Es ging darum, sich beim Jobcenter zu melden. Die wussten gar nicht, wohin und warum. Hunderte von Formularen auszufüllen, eine eigene Wohnung zu suchen und so weiter und so fort. Das haben wir ehrenamtlich unterstützt.


"Das hat sich total verschoben. Die gehen jetzt zusammen mit den Nazis auf die Straße. Und wenn da der Hitlergruß gezeigt wird, dann ist das eben so".


Wo liegen die Schwierigkeiten bei euch? Wo stoßt ihr an Grenzen?

Claus: Es gibt ein Gegeneinander zwischen den sogenannten "Asylkritiker*innen" – das ist eigentlich ein schreckliches Wort – auf der einen Seite und den "Asylbefürworter*innen" oder "Gutmenschen" auf der anderen. Dieses Gegeneinander ist schon immer irgendwie da gewesen. Was sich aber durch Pegida in Dresden verändert hat, ist, dass die Leute früher nicht mit Nazis zusammen auf die Straße gegangen sind. Also am 13. Februar zum Jahrestag der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945, waren die Nazis auf der Straße, aber nicht die Bürger*innen, die vielleicht auch sagten: „Okay, vieles von dem, was die wollen, wollen wir auch. Wir sind auch gegen Ausländer." Das hat sich total verschoben. Die gehen jetzt zusammen mit den Nazis auf die Straße. Und wenn da der Hitlergruß gezeigt wird, dann ist das eben so.

Sibylle: An Grenzen bin ich selten gestoßen. Die größten Probleme gibt es, das haben uns auch andere Paten bestätigt, wenn Geflüchtete allein zu einer Behörde gehen. Sie bekommen in der Regel ihr Problem so nicht ohne weiteres gelöst. Wenn wir mitgehen, schon. Da gibt es einen Riesenunterschied. Wenn es um wichtige Dinge geht – beim Jobcenter, bei der Ausländerbehörde und so weiter – sollte immer ein deutscher Betreuer dabei sein, egal wie gut die Geflüchteten schon Deutsch können. Das hilft ungemein.


"Es gibt nichts Schlimmeres, als diese Leute wegzusperren in irgendwelchen Heimen und ihnen keinen Deutschkurs zu verschaffen."

 

Was würdet ihr euch wünschen, wenn die Politik oder wer auch immer euch um Ratschläge fragen würde? Was würdet ihr vorschlagen? Was würde wirklich helfen?

Sibylle: Wir würden uns einen merkbaren Bürokratieabbau wünschen, von dem im Übrigen auch Deutsche profitieren würden. Das Schlimmste, was wir erlebt haben, war ein 25-seitiges Machwerk einer Behörde. Das hat einer der jungen Männer, die wir begleiten, an einem Tag bekommen – mit Zahlenspielereien, mit Formulierungen im Beamtendeutsch. Das kann man gar nicht glauben. Wo ich mir vorgestellt habe, was macht so ein Mensch, der a) nicht gut Deutsch kann und b) vielleicht keinen deutschen Freund hat, der ihm damit hilft. Ich hatte schon Probleme, das zu verstehen. Diese Bürokratie muss dringend vereinfacht werden. Und das zweite, was ich denke: Der größte Fehler war, dass man Geflüchtete nicht ab dem ersten Tag, an dem sie ihren Asylantrag stellen, versucht hat, in Deutschland zu integrieren. Es gibt nichts Schlimmeres, als diese Leute in irgendwelchen Heimen wegzusperren und ihnen keinen Deutschkurs zu verschaffen. Es ist egal, ob sie eine Chance im Asylverfahren haben oder nicht. Wenn sie hier sind, sollte man sie sofort versuchen, sie hier leben zu lassen. Denn nichts ist schlimmer, als wenn man Leute monate- oder jahrelang in Nicht-Tätigkeit verharren lässt. Das kriegt man nach einer gewissen Zeit aus diesen Menschen ganz schwer raus. Dann braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn man sich irgendwann sagt: „Ach nö, ich habe jetzt keine Lust, Deutsch zu lernen", oder: „Das Jobcenter bezahlt schon. Das geht ja auch so.“ Das hätte man von vornherein verhindern können.

Claus: Das System müsste sich ändern. Das Asylsystem in Deutschland ist so ausgerichtet, dass es jedem Asylsuchenden, der hierherkommt, sofort signalisiert: „Wir wollen nicht, dass du hierbleibst.“ Es geht ja noch weiter. Selbst, wenn du eine Ausbildung machst, selbst, wenn du Deutsch kannst: „Wir wollen eigentlich nicht, dass du hierbleibst. Wir wollen, dass du möglichst wieder nach Hause gehst. Und wenn wir das nicht bald schaffen, dann eben irgendwann später.“ Ich würde mir sehr wünschen - und das ist das, wofür ich arbeite -, dass sich das System ändert. Nicht mehr: „Wir wollen nicht, dass du hier bist“, sondern ein: „Okay, du bist jetzt hier. Jetzt lass uns mal gucken, wie wir friedlich zusammenleben können. Wie wir für dich und für uns vielleicht auch einen Vorteil daraus ziehen können, dass du jetzt hier bist. Natürlich mit unseren Regeln, auf der Basis des Grundgesetzes.“ Aber eben ohne Vorurteile, ohne Rassismus, ohne Diskriminierung.


"Ich glaube, dass wir im Moment – und das wäre vielleicht etwas, was ich Leuten raten würde – politisch sein müssen."


Was kannst du weitergeben an Empfehlungen für andere Initiativen, Claus? 

Claus: Leute, die sich ehrenamtlich engagieren, haben eigentlich schon eine ganze Menge von dem, was man braucht. Man braucht Idealismus. Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Es gibt aber noch einen Aspekt: Wir haben viel darüber diskutiert, wie politisch wir als Initiative sein wollen. Denn wir sind natürlich offen. Mich interessiert nicht, was für eine Parteizugehörigkeit eine Person hat, die sich bei uns engagiert. Dass AfD-Leute nicht zu uns kommen, das versteht sich von selbst. Aber ob jemand in der CSU ist oder die Linke wählt, ist eigentlich völlig egal. Insofern ist man relativ schnell an einem Punkt, wo man sich überlegt „Sind wir eigentlich irgendwie politisch?" Ich glaube, dass wir im Moment – und das wäre vielleicht etwas, was ich Leuten raten würde – politisch sein müssen. Für mich ist das Einstehen gegen faschistische Tendenzen oder gegen Rassismus nicht per se links. Überhaupt nicht. Dass die Linke da wesentlich stärker vertreten ist, das ist so. Aber das muss nicht sein. Antifaschist sein, das kann man auch, wenn man CDU wählt. Warum denn nicht? Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man irgendetwas anderes als Antifaschist sein kann. Wir haben nächstes Jahr Landtagswahl. Eine Landtagswahl, bei der zu befürchten ist, dass die AfD die stärkste Partei wird, und dann wird sich der Wind drehen. Dann wird sich ganz schön etwas ändern. Gerade auch für Initiativen und Leute, die sich einsetzen. Wir müssen versuchen, das irgendwie zu verhindern. Zumindest müssen wir ein starkes Gegengewicht sein. Das Problem ist immer, dass die Leute, die menschenfeindlich und rassistisch sind – das sieht man jetzt in Chemnitz – viel lauter sind. Die sind nicht die Mehrheit, aber sie sind viel lauter. Und die Leute, die dagegen sind, die sind nicht so laut. Ich finde, gerade die Initiativen, die praktische Arbeit leisten, müssten ein bisschen sichtbarer werden. 

 

Interview: Anne Frisius

Transkript: Sinem Eker

Redaktionelle Bearbeitung: Marie Hoffmann und Samia Dinkelaker