WILLKOMMEN IN KASSEL. Diskursanalytische Perspektiven auf Engagement für Geflüchtete in Kassel

Impulspapier, Dezember 2018

 

Mit den Entwicklungen Mitte des Jahres 2015 sind in vielen Städten – und wie im Folgenden exemplarisch für die Stadt Kassel dargestellt – diverse Themen rund um den Zuzug Geflüchteter medial rezipiert worden. Die bundesweiten Diskurse, in denen Fragen zu Wohnraum, Gesundheitsversorgung sowie von Bildungsangeboten für Geflüchtete debattiert werden, wurden auch in Kassel immer wieder aufgegriffen. Auf Bundesebene wurde diskursiv allerdings viel stärker die Thematisierung von Gewalt fokussiert, als dies auf regionaler und lokaler Ebene der Fall ist. Für Kassel wird dies etwa in Bezug auf die Erstaufnahme Einrichtung (EAE) am Flughafen Kassel-Calden deutlich. Medial wird hier vor allem auf eine „Massenschlägerei“ (Zeit 28.09.2015) und den „Brand in [einer] Flüchtlingsunterkunft“ (FAZ 14.05.2016) Bezug genommen und wenig weiter differenziert. In den lokalen Medien dagegen wird die enorme Leistung der Ehrenamtlichen, die die Unterbringung Geflüchteter überhaupt ermöglichte, fokussiert (vgl. z.B. HNA 25.07.2015). Diese Leistung wiederum wird thematisch mit den vielen in der Stadt ehrenamtlich organisierten Unterstützungsangeboten verbunden.

Die Erstaufnahme Geflüchteter ist in Hessen vor allem über die Stadt Gießen beziehungsweise das dortige Regierungspräsidium organisiert. Aufgrund des Königsteiner Schlüssels wurden 2015 7,358% der in Deutschland ankommen Geflüchteten nach Hessen verteilt, also 79.788 Menschen die ein neues Zuhause suchten. Anfang der 1990er Jahre, vor dem damaligen ‚Asylkompromiss‘, kamen ungefähr halb so viele Menschen in das Bundesland. Als Folge aus der 2015 entstandenen kurzfristigen Überlastung der Erstaufnahmestruktur wurden in Hessen weitere temporäre Aufnahmeeinrichtungen eröffnet und allein in Kassel zeitweilig etwa 30 zusätzliche Erstaufnahmeeinrichtungen etabliert (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 01.01.2017; Hessische Landesregierung (a); Hessische Landesregierung (b)).

 

Neue Bürger_innen der Stadt?

In der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), jener in der Stadt Kassel lokal verankerten Tageszeitung, wurde bereits zu Beginn des Jahres 2015 auf die steigende Zahl Geflüchteter im Kasseler Stadtbild Bezug genommen. Die Bevölkerung der Stadt wurde aufgerufen, sich bei der Stadtverwaltung zu melden, um Wohnraum direkt an nach Kassel geflohene Menschen zur Verfügung zu stellen (vgl. HNA 29.01.2015). In dieser wenig dramatisierenden Perspektive wird Kassel bereits früh als die neue Heimat der geflohenen Menschen dargestellt. Und die neu zugezogenen Bürger_innen in der Stadt willkommen geheißen.

Diskursiv verschiebt sich diese Perspektive auf lokaler Ebene geringer, als es etwa in überregionalen Medien für die bundesweiten Debatten beobachtbar ist: Lokal wird weniger auf eine krisenhafte Situation mit impliziten Schuldzuweisungen und notwendigen Grenzschließungen zugespitzt, als vielmehr humanitäre Perspektiven in den Vordergrund gestellt. In Kassel scheinen wichtige Fragestellungen mit einer pragmatischen Herangehensweise verbunden, die versucht, Strukturen zu etablieren, die eine würdige Unterbringung gewährleisten. Die Autor_innen der HNA heben die Möglichkeiten hervor, leerstehende Gebäudekomplexe weiter zu nutzen oder auch Neubauprojekte zu initiieren, um auf diese Weise mehr und angemessenen Wohnraum für Geflüchtete bereithalten zu können. Diese auf nachhaltige Entwicklung ausgerichtete Perspektive wird in der regionalen Presse immer wieder betont: „Für mindestens sieben Jahre soll die Anlage als Gemeinschaftsunterkunft genutzt werden. Die Besonderheit: Die Häuser sind so konzipiert, dass sie später ohne großen Aufwand zu normalen Mietwohnungen umgebaut werden können“ (HNA 25.07.2016). Besonders auffällig ist, dass in Kassel in den Medien viel über eine bürgerliche ‚Kultur‘ der Unterstützung berichtet wird. Neben den Schwierigkeiten, die Situation zu meistern, wird hervorgehoben, wie und in welchem Umfang die Kasseler Bevölkerung sich an der Unterstützung der Geflüchteten beteiligt.

Die Fragen der Unterstützung Geflüchteter werden in Kassel über das Thema ‚Wohnraum‘ frühzeitig mit der ehrenamtlichen Unterstützung Geflüchteter durch die Kasseler Bevölkerung verschränkt. Die am Flughafen in Kassel-Calden errichtete Notunterkunft wurde praktisch über Nacht errichtet und insbesondere durch die breite Unterstützung der Kasseler Bevölkerung ermöglicht. Die Ehrenamtlichen errichteten Zelte, schraubten Wasserleitungen zusammen oder bauten Zäune auf. „Der Regierungspräsident [Kassels war] am Freitag selbst auf dem 23000 Quadratmeter großen Gelände unterwegs, mit hochgekrempelten Ärmeln“ (HNA 25.07.2015) und koordinierte die spontane Großbaustelle. Auch professionelle Hilfeleistende wie das THW, das Rote Kreuz, Freiwillige Feuerwehren und zahlreiche weitere freiwillig Engagierte halfen beim Aufbau.

 

Engagement, Wohltätigkeit: Die Bürger_innen und die Anderen?

Das bürgerschaftliche Engagement in Kassel bestand vor allem in der Einbindung ehrenamtlicher Unterstützer_innen in die alltägliche Begleitung geflüchteter Menschen in der Stadt. Hier blitzen in den Debatten um Geflüchtete in Kassel immer wieder Aspekte einer bürgerlich-wohltätigen Ausrichtung auf. Tendenziell werden die ‚hilflosen‘ Geflüchteten den längerfristig ansässigen Kasseler_innen gegenüberstellt. Derartige Anrufungen werden allerdings weniger in direkten Äußerungen formuliert. Eine gewisse Bevormundung der neuen Kasseler_innen verbunden mit rassistischen Imaginationen scheinen zumindest teilweise im Hintergrund der medialen Rezeption des ehrenamtlichen Engagements zu stehen. So wird beispielsweise die Trennung der Sanitärcontainer in Erstaufnahmeeinrichtungen als geschlechtsbezogen separiert beschrieben und diese „aus Rücksicht auf eventuelle religiöse Vorbehalte“ (HNA 25.07.2015) vorgenommen. Nicht thematisiert wird, dass dies in vielen anderen auf größere Menschenmengen ausgerichteten Gebäuden in Deutschland ganz genau so ist, sondern die Notwendigkeit mit einem kulturellen, religiös begründeten Unterschied manifestiert.

Die Geflüchteten selbst kommen in den medialen Debatten in der Lokalzeitung um die ihnen zuteilwerdende Unterstützung nur sehr selten zu Wort und wenn, sprechen sie etwa von dem ungewohnten Luxus einer eigenen Wohnung – auf Englisch und begleitet von ehrenamtlich Engagierten, die ihren Alltag gestalten beziehungsweise organisieren (vgl. HNA 31.05.2017). Diese ausgesprochen wichtige Begleitung der Geflüchteten wird dabei in einer Weise dargestellt, die von strukturellen Fragen ablenkt: So bleibt unklar, warum es weiterhin notwendig ist, die Unterstützung der Geflüchteten ehrenamtlich zu organisieren beziehungsweise die staatlichen Strukturen hier derart wenig leisten und warum nur wenige Geflüchtete nach langer Zeit eigenen Wohnraum beziehen können. Die Interessen und Wünsche der Geflüchteten selbst scheinen weniger im Vordergrund zu stehen, als ihre exotiserende Darstellung und stellvertretende Thematisierung.

Bildung, insbesondere in Form von Deutschkursen, ist ein weiteres wichtiges Thema in den lokalen Kasseler Diskursen um Geflüchtete, aber auch über die regionalen Bezüge hinaus. Spracherwerb wird eng mit den Zukunftsaussichten der Geflüchteten verknüpft. Die staatliche Verwaltung übernimmt die Finanzierung der Kurse nur für anerkannte Flüchtlinge und weiter sind die Perspektiven der Geflüchteten sich eine eigene Zukunft aufbauen zu können, auch an ein gewisses (deutsches) Sprachvermögen geknüpft. Mit diesem Wissen im Hintergrund werden in Kassel auch auf ehrenamtlicher Grundlage weitere Möglichkeiten des Spracherwerbs für nicht staatlich anerkannte Geflüchtete organisiert – da sie sich noch im Anerkennungsverfahren befinden oder eine sogenannte ‚schlechte Bleibeperspektive‘ und daher keinen Anspruch auf Sprach- und Integrationskurse haben. So sollen möglichst alle Geflüchteten Kompetenzen zur Alltagsbewältigung erwerben können. Während in anderen Fragen vor allem über die Geflüchteten gesprochen wird, kommen diese hier auch zu Wort (vgl. HNA 31.05.2017). In Zusammenhang mit ihren Wünschen, sich in die Gesellschaft einfügen zu können, werden medial Stimmen der Geflüchteten wiedergegeben. Zentrale Schwierigkeit bleibt hier, die Finanzierung für Kurse zu sichern, die allen zugänglich sind. Die auf diese Weise thematisierten Defizite der finanziellen Grundlage geraten vor der Folie ehrenamtlicher Unterstützung der Kasseler Bevölkerung in den Hintergrund. Auf die Überforderung staatlicher Strukturen wird dabei immer wieder Bezug genommen, während gleichzeitig die zivilgesellschaftlichen Unterstützungsleistungen positiv hervorgehoben werden. Die defizitäre Bearbeitung durch die staatlichen Akteur_innen wird dabei allerdings kaum kritisiert.

Insgesamt steht das ehrenamtliche Engagement in Kassel dafür, die Engpässe der kommunalen Verwaltung zu überbrücken und wird medial in weiten Teilen als entscheidendes Moment angeführt, längerfristige Lösungen und kontinuierliche Unterstützungsarbeit überhaupt leisten zu können. Ohne Frage, hat ehrenamtliches Engagement in der Zeit als viele Geflüchtete ankamen, die Aufnahme stark unterstützt, teils erst in der Form ermöglicht. Ohne das Engagement der vielen Ehrenamtlichen in Deutschland, wie die EFA-Studie (Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit) veranschaulicht, wäre die Unterstützung selbst, wie aber auch ihre mediale und gesellschaftliche Thematisierung anders verlaufen. Allerdings führt das Verlassen auf freiwilliges Engagement auch dazu, dass staatliche Aufgaben in Teilen unhinterfragt an ehrenamtliche Strukturen ausgelagert werden und es so zu einer Verantwortungsdiffusion des Staates gegenüber in Not geratenen Menschen kommen kann. So müssen staatliche Akteur_innen weniger Aufgaben übernehmen und zugleich werden diese Aufgaben von Menschen übernommen, die ein weniger bürokratisches und technisches Verhältnis zu Geflüchteten haben, als es Verwaltungsstrukturen oftmals mit sich bringen (vgl. Karakayali/Kleist 2016: 22ff). Der damit verbundene, oftmals pragmatische, Zugang der Unterstützer_innen scheint einerseits für die Geflüchteten den Vorteil mit sich zu bringen, dass die Ehrenamtlichen eigensinnig auf Aspekten beharren, die Behördenmitarbeiter_innen unter Umständen von vorherein ausschließen, etwa in Bezug auf die Möglichkeit sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern oder die weiter oben angesprochene Organisierung von Sprachkursen für staatliche nicht anerkannte Geflüchtete. Andererseits bedeutet dies auch, dass sich die Unterstützer_innen in vielen Fällen wissen über Gesetze und Regelungen in Deutschland, die die Geflüchteten betreffen erst selbstorganisiert aneignen müssen – zum Beispiel bezogen auf die sich immer wieder verändernde rechtliche Situation Geflüchteter in Deutschland. In Kassel ist diese zivilgesellschaftliche Verantwortungsübernahme mit einem gewissen Stolz auf die Leistung der Bevölkerung verbunden. In Teilen nimmt dieser etwas diffuse Stolz paternalistische Züge an und verweist auf eine Exotisierung Geflüchteter. Die geflüchteten Subjekte werden hierin vor allem als hilflos und schutzbedürftig angerufen und weniger als handelnde Akteur_innen thematisiert. Auf Machtverhältnisse und Privilegienzugänge blickend, wird deutlich, dass Geflüchtete in Deutschland und auch Kassel deutlich weniger Handlungsmöglichkeiten haben, als die nicht-geflüchtete Bevölkerung. Dennoch gerät aus dem Blick, dass viele der Geflüchteten bereits vor ihrer Flucht einen Alltag lebten, in dem sie handelnde Subjekte waren und nicht zuletzt auch die Entscheidung zur Flucht trafen.

Medial wurde gerade in den Jahren 2015 und 2016 vor allem über Geflüchtete gesprochen und erst mit der Realisierung längerfristiger Bleibeperspektiven auch Platz für die Sichtweisen der geflohenen Menschen selbst eingeräumt (vgl. Haller 2017). Kassel wird in der lokalen Presse als ein Ort dargestellt, an dem die zugezogenen Menschen eine neue Heimat finden können. Die Grundlage dieser neuen Heimat bildet sich durch Sprachkurse und Bildungsangebote heraus, die von der Bevölkerung ehrenamtlich getragen werden. Das Engagement der Ehrenamtlichen in Kassel dauert in weiten Teilen auch noch immer an, wie lokale Vernetzungen oder Angebote sichtbar werden lassen, und passt sich durch veränderte Angebote den Bedürfnissen der Geflüchteten an[1] und die Ehrenamtlichen in Kassel arbeiten gemeinsam mit den Geflüchteten daran, Kassel als einen Ort des Willkommens zu gestalten.

 

Quellen

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (01.01.2017): Erstverteilung der Asylsuchenden (EASY).

FAZ (14.08.2016). Brand in Flüchtlingsunterkunft. Frankfurter allgemeine Zeitung.

Haller, Michael (2017). Die "Flüchtlingskrise" in den Medien: Tagesaktueller Journalismus zwischen Meinung und Information. Frankfurt/Main: Otto Brenner Stiftung.

Karakayali, Serhat & Kleist, Olaf (2015). EFA-Studie: Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland. 1. Forschungsbericht. Ergebnisse einer explorativen Umfrage von November/Dezember 20414.

Karakayali, Serhat & Kleist, Olaf (2016). EFA-Studie 2: Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland.

Hessische Landesregierung (a): Flüchtlingszugänge nach Hessen. 2008-2017. URL: https://fluechtlinge.hessen.de/flucht-asyl/zahlen-fakten/fluechtlingszu… [20.09.2018].

Hessische Landesregierung (b): Zahlen & Fakten. URL: https://fluechtlinge.hessen.de/flucht-asyl/zahlen-fakten [20.09.2018].

HNA (29.01.2015): Hilfe muss man lenken. In: HNA - Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 29.01.2015, 2.

HNA (25.07.2015): Zeltstadt wächst im Eiltempo. In: HNA - Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 25.7.2015, 3.

HNA (25.07.2016): Platz für bis zu 180 Flüchtlinge. In: HNA - Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 25.7.2016, 17.ff.

HNA (31.05.2017): Starthilfe für den Alltag. In: HNA - Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 31.5.2017, 10.

Zeit (28.09.2015): Vier Verletzte bei Massenschlägerei unter Flüchtlingen. Zeit.

Dieses Impulspapier basiert auf Diskursanalysen im Zeitraum von 01/2015-01/2018, die vom Teilprojekt Kassel des BMBF Verbundprojekts „Willkommenskultur und Demokratie in Deutschland“ in unterschiedlichen lokalen und überregionalen Tageszeitungen durchgeführt worden ist.

Teilprojekt Kassel: „Ehrenamtliche und professionelle Unterstützungsarbeit mit und für Geflüchtete(n)“

 


[1] www.freiwillig-in-Kassel.de.